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steigt, desto ehrlicher wird der Verkehr. Auf Pferdemärktenist das Feilschen und Bieten noch im Schwung, der Pferde-handel war das Prototyp, nach dem auch die BismarckscheHandelspolitik ihre Weisheit bemaß. In modernen Ge-schäften handelt man mit festen Preisen, und der einsichts-volle Kaufmann weiß, daß nichts sich besser bezahlt, alsreelle Bedienung.
Aber es gilt noch immer für die höchste staatsmänuischeWeisheit, auszuklügeln, wie man in Handelsverträgen sicham besten davor hüte, übers Ohr gehauen zu werden, undfolgerichtig als hohe Aufgabe, in dieser Kunst selbst derSchlauere zu sein.
Und dabei schmeichelt sich jeder Beteiligte, seine Ge-heimnisse zu besitzen, die der Gegenpart nicht errate. Ineiner ehemaligen freien Reichsstadt hielten sich zwei Fa-milien zusammen die „Augsburger Allgemeine Zeitung".Eines Tags wurde das Blatt von dem ersten Empfängervor der Auslieferung an die zweite Familie verlegt. Alsungeduldig danach geschickt wurde, ließ der Hausherr seinemMitabonnenten sagen: er dürfe ihm heute die Zeitung nichtschicken, es stehe ein Geheimnis drin. An diese Geschichtemahnt es mich immer, wenn ich höre, daß die HerrenMinister mit klugem Stirnrunzeln die bei ihnen vorstelligwerdenden Korporationen warnen, doch bei Leibe nicht zuverraten, was sie eigentlich wünschen. Der Österreicherund der Russe weiß ja nicht, wo uns der Schuh drückt,und so wissen auch wir nichts von ihm. Gott bewahre!
Nicht so komisch wie diese Geheimthuerei, aber vielverderblicher, ist das Drohen und Schrauben mit gegen-seitigen Schädigungen. Die Vernunft lehrt, daß jede auspurer Bosheit zur Strafe des anderen Teils verfügte Ab-sperrung das eigene Land schädigt. Aber auch die Unver-nünftigsten müßten doch endlich erfahren haben, daß diese