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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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die Einfügung der Todesstrafe zur Kabinetsfrage machteund mir kraft dieses Pressionsmittels bei der Abstimmungdurchsetzte, war er ohne Zweifel von dem Gedankengangder rohen Abschreckungstheorie beseelt. Das Vertrauen aufden Mechanismus der brutalen Gewalt gehörte zu denGrundzügen seiner Menschenbehandlung, wenn auch dieKünste der List und der liebenswürdigen Bestricknng nichtunterschätzt wurden. Noch heute kranken wir an der Erb-schaft dieser Methode in vielen Stücken, und was wir indiesem Augenblick erleben, steht damit in engerem Zusammen-hang, als auf den ersten Blick hervortritt. Das neue Schul-gesetz, dessen Quintessenz in der Vorstellung sitzt, daß dieSchreckmittel der ewigen Strafen, künftig besser eingeschärft,das wahre Mittel zur Erhaltung der Monarchie seien, istdem Geiste nach ein Vermächtnis desalten Kurses", wennauch der Urheber des alten Kurses vielleicht zu vorsichtiggewesen wäre, diese Nutzanwendung davon zu machen. Esmag seiner Schadenfreude zu wohlgefälliger Sättigung ge-reichen, daß sein Nachfolger nun mit der Vollstreckung diesesstillen Vermächtnisses in den größten Fehler verfiel, den erüberhaupt begehen konnte. Wie scharf man immer dieinnere Politik des Bismarck der letzten zehn Jahre ver-urteilen mag, man wird ihm doch die Gerechtigkeit ange-deihen lasten müssen, daß er den Fehler des Kulturkampfeseingesehen hatte und aus dieser Einsicht heraus den Kampfnach Möglichkeit wieder zu beschwichtigen bestrebt war.Wenn auch andere Motive nebenher mitwirkten, diese bessereEinsicht war doch der leitende Gedanke, seitdem Falk, alsSündenbock mit Bismarcks Schuld beladen, in die Wüstegejagt worden war. Hier hatte der Fürst wenn auchspät die Grenze der Nützlichkeit brutaler Gewalt er-kannt. Und wie groß alle die Übel seien, welche der Ver-such, das Mißlingen und das Wiedereinlenken auf Gene-