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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Mann, der sich lange, ehe er Papst wurde, insbesondereauch mit Nationalökonomie beschäftigt und in denkwürdigenPublikationen, namentlich über die sozialistische Bewegung,ausgesprochen hat. Großes Aufsehen machte namentlicheine ältere Encyklika vom 28. Dezember 1878. SeinerRichtung nach stand er damals auf dem Boden der indi-vidualistischen Schule, er beruft sich auf Bastiat und Montes-quieu . Auch in dem neuesten Erlaß ist dieser Stand-punkt noch nicht ganz preisgegeben, aber eine Annäherungan das Prinzip der Staatseinmischung doch stark vor-herrschend.

Wie sehr es nun auch gelingen mag, plausibel zumachen, daß mit diesem Anschluß an den Staatssozialismus die Religion ihr supranaturalistisches Prinzip nicht preis-gebe: ohne starke Erschütterung konnte dasselbe aus dieserneuen Wendung nicht hervorgehen. In all den Wett-kämpfen mit der Sozialdemokratie wagt man ihr nicht mehrauf den Kopf zuzusagen, daß ihre Klagen deshalb unberechtigtseien, weil die wahre Abhilfe im Jenseits liege, man ver-zichtet auf dies Argument, weil man es für unwirksam hält.Und durch diesen Verzicht auf das, was doch die Grund-wahrheit des Glaubens darstellt, erhielt der ganze gläubigeSozialismus den Charakter des künstlich Erzwungenen. Derungläubigen Sozialdemokratie erscheint er als ein nach-geahmter, gefälschter, als eine Art Kunst-Sozialismus, dersich dem echten glaubenslosen unterzuschieben sucht. Aller-dings hindert das auch andererseits die Sozialdemokratienicht, sich auf das darin liegende Zugeständnis zu stützen.Sind doch bei uns in Deutschland Staat und Kirchen,wenn auch nicht ganz, doch eine Strecke weit bereits zumSozialismus übergegangen. Unsere Gesetzgebung hat sichauf staatssozialistischen Boden gestellt, und die Geistes-richtung in Aristokratie und Hochkirchentum sympathisiert