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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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ausüben. Aber um Schrecken zu erregen bedarf es der sinn-lichen Vorstellungen. Übersinnliche Pein ist ein viel zuätherischer Gedanke, um auf das Gemüt des von irdischerVersuchung heimgesuchten Sterblichen zu wirken. Daskönnen höchstens greifbare materielle Schreckmittel besorgen.

So wenig nun die Naturwissenschaften jemals diePhilosophie ganz ersetzen werden, so wenig werden sie indenjenigen menschlichen Sphären, denen die Religion zurBefriedigung ihres moralischen und geistigen Bedürfnissesunentbehrlich ist, diese ersetzen können. Aber so viel istrichtig: in einem Zeitalter, welches die Naturwissenschaftenso wie das heutige in den Vordergrund der breitesten Bil-dung gestellt hat, dürfen die religiösen Vorstellungen nichtin auffälligen Widerspruch mit den physikalischen Wahr-heiten kommen, ohne dabei Schisfbruch zu leideu. EineHöllenanstalt im Schoß unseres Planeten findet schwerihren Platz auch in den elementarsten Begriffen der Physi-kalischen Geographie von den sieben Himmeln nicht zureden.

Wer sich die Mühe geben will, aus dieser einfachenBetrachtung die naheliegenden Rückschlüsse zu ziehen, wirdleicht entdecken, welcher Art heut zu Tage Versuche zurVerbesserung religiösen Unterrichts nicht sein dürfen, wennsie überhaupt wirksam sein wollen. Ganz besonders die-jenigen, welche die Sozialdemokratie unter dem Gesichts-punkt ihres Unglaubens bekämpfen wollen, begehen dengrößten Irrtum, indem sie ihr mit religiösen Apparatenentgegentreten, deren Gebrechlichkeit so augenfällig ist. Esist mit Recht gesagt worden, daß gerade die Vergröberungdes Religionsunterrichts und die Verschärfung des kon-fessionellen Formalismus ist eine solche Vergröberungdie Jugend umsomehr ins sozialdemokratische Lager treibenwerde.