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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
385
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Aus demselben Grunde können die, welche mittelst derErhaltung der Religion das Band zwischen Monarchie undVolk stärken wollen, keinen schwereren Fehler begehen, alswenn sie die Religion auf die jetzt vorgeschlagene Manierzu stärken -vermeinen. Sie stellen damit die Monarchieauf die allerbedenklichste Voraussetzung. Es ist mutatiZmritanäis etwa so, als wenn sie meinten, zur Erhaltungder Monarchie müßte die Prügelstrafe wieder eingeführtwerden. Sieht man genau zu, so besteht wohl auch eineinnere Verwandtschaft zwischen den Liebhabern der Prügel-strafe und den Gönnern des neuen Schulgesetzes.

Der Deutsche versteht im ganzen nicht übermäßig vielSpaß, am wenigstens aber in Sachen der Religion. Esist ihm damit viel mehr Ernst als allen anderen Nationen,auch denen, die frömmer erscheinen als er. In Frankreich ,England und Amerika hat das stillschweigend anerkannteBedürfnis fester moralischer Ordnung instinktiv die wohl-habenden Klassen zu einer Respektierung der religiösenÄußerlichkeiten erzogen, welche deren formale Anerkennungzu einer Anstandspflicht macht. Nicht fromm erscheinen istin England einfach not i-ss^sotg-dls, wie unanständig ge-kleidet zu sein. Ähnlich in Frankreich , wenn jetzt auch derpolitische Radikalismus dagegeu Sturm läuft. Der feineund im stillen ganz ungläubige Rivarol, welcher derSchreckenszeit nach Deutschland aus dem Weg ging, gebrauchteinmal die sehr bezeichnende Wendung, Gottlosigkeit1'iro.xists sei die größte aller Indiskretionen. Etwastrivialer drückt sich Thiers dahin aus, ungläubiges Gebarengehöre zu den schlechtesten Manieren. Den Franzosen istdarum der Katholizismus 1s. rsliZion äss Zkus eomms ilFant, weil er sich auf schädliche Diskussionen nicht einläßt.Derartiger Jndifferentismus liegt dem deutschen Wesen fern.Wenn Goethe den Hikmet Nameh sagen läßt:

Ludwig Bamberger'S Gcs. Schrislcn, I.