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lebten ihre wahren Triumphe nicht mehr, der Gang derZeiten erst half ihnen dazu. Obwohl Nietzsche noch nichtleiblich tot ist, muß man doch leider von ihm als einemAbgeschiedenen reden, und obwohl er mit seinen letztenFolgerungen sich gerade im vollsten Gegensatz zu Schopen-hauer zu setzen meint, stimmt er doch im Resultat der Nutz-anwendung mit ihm zusammen. Der eine leugnet das Glückdes eigenen Daseins, der andere das Beglückenwollen desDaseins der Vielen. Aber in der Hauptsache begegnen sichbeide. Wenn Nietzsche meint, er sei kein Pessimist, so istdas nur ein Kunststück. Er ist Optimist für eine kleine Aristo-kratie des Lebens oder der Kraft. Das ist nur ein Streitum ein ganz kleines, im Verhältnis zur Menschenwelt ver-schwindend kleines Eiland, wo die Auserwählten sitzen.Schopenhauer schmeißt das Ganze zum Teufel und rettetnur nebenher seinen moäus vivsiM auf das Floß desMitleids, welches Nietzsche mit Verachtung von sich stößt.Schopenhauers Vornehmheit besteht darin, zu wissen, welcheKanaille das Leben ist, und das ist auch schon aristokratischgenug. Nietzsche ist nicht so bescheiden, er will das Lebenals Gut für sich retten auf Kosten der Kanaille. SeitSchopenhauer hat eben die Demokratie solche Fortschrittegemacht und so in die Breite gewonnen, daß das Bedürfnisder Reaktion bedeutend stärker geworden ist. In derReaktion der beiden Philosophen geht der Weg von der Re-signation des Nirwana zur Legitimierung der Wolfsherr-schaft, vom Frieden zum Krieg. Es ist im Grunde dasselbe,nur mittelst einer geistreichen Dialektik umgestülpt, wie auchder Darwinismus von Nietzsche bekriegt und doch benütztwird. Er verlacht das Fortleben durch Anpassen; aberdas sich Anpassen ist doch nur ein Angepaßtwerden, wieer selbst es den Schwachen im Namen der Starken ver-kündet. Das alles, Herrenmoral und Sklavenmoral, Wolf