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hatte noch seine Wurzeln in der nachhegelschen Periode ge-habt. Seine Niederlage sowie der ganze Katzenjammer deswieder eingezogenen bundestäglichen Regiments drückten denGeist der Nation auf eine Stimmung flacher Nüchternheitherab. Aus diesem Elend half eine Weltanschauung heraus,die Resignation mit ernster Vornehmheit verschönte, unddie Eleganz, die pikante Geistreichigkeit der Behandlung,die sarkastischen Ausfälle gegen die ohnehin vereinsamteKathederweisheit, das alles, weiter getragen durch einigebegeisterte und rührige Jünger, siel als eine fruchtbare Saatauf den wohlvorbereiteten Boden.
Es ist bezeichnend, daß nach dem großen Krieg inDeutschland ein Stillstand in dieser Bewegung eintrat,während die Popularität Schopenhauers erst damals inFrankreich einzusetzen begann, eine natürliche Folge der jetzthinübergezogenen moralischen Depression, und zugleich eineReaktion gegen den in der Form und der Praxis des Staatszur Herrschaft gekommenen Demokratismus, namentlich auchgegen die geistige Verflachung, welche in der Volksvertretungund der Beamtenwelt an die Oberfläche emporstieg, Gam-bettas „vierte Schicht". Schon lange vorher hatte einesehr kritische Behandlung der Revolution von 1789 immermehr Anklang in der jüngeren Gelehrtenwelt gefunden. Zuder gleichen Zeit und aus dem frischen Zug der neuen Ge-staltung der Diuge trat in Deutschland an die Stelle derauietistischen Richtung die heroische. Aber gemeinsam warbeiden das Bedürfnis der Auflehnung gegen das sichtbareÜbergewicht des Demokratismus. Bei uns ging der Kultusder nationalen Kraftherrlichkeit und derjenigen Persönlichkeit,in welcher man diese Herrlichkeit verkörpert sah, seelen-verwandt dem Wolfsbewußtseiu, dem Nietzsche seine Le-gitimität bescheinigen sollte, voraus. Aber es war jenerKultus noch mit dem sittlichen und religiösen Oant versetzt,