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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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den der ehrliche Nietzsche verschmäht. DieSchneidigkeit"war nur nach unten schneidig, nach oben war sie platt undstumpf. Sie kleidete das Recht des Stärkeren in das An-standsgewand derZucht". Nietzsches Wolfsherrschaft beruftsich einfach auf das biologische Gesetz. Die vornehme Ver-achtung der Philantropie ist beiden gemein als Anwandlungvon Schwäche, von falscher Sentimentalität.

Wenn man den Begriff derZucht" chemisch in seineTeile auflöst und das Element der Sittlichkeit ausscheidet,bleibt einfach die Herrenmoral der Neuesten übrig. Phi-lantropie ist im Grunde nur ein anderes Wort für De-mokratie, wenigstens heutzutage, da trotz allem deraufgeklärte Despotismus keinen öffentlichen Kredit besitzt.So wiederholt sich hier, was wir in allem Vorangehendenbeobachtet haben: wir sehen eine geistige Bewegung voruns, welche sich aus dem unwiderstehlich vorwärtstreibendenDrang des Demokratismus als vornehme Reaktion gegendenselben herauswindet, und welche wiederum doch demZeitgeist gehorcht, der sie in die Breite und die Tiefendrängt. Das Genie wimmelt Heuer in den Gassen undwühlt in den Gossen, sieht aber doch mit Verachtung aufalles herab, was da ist und besonders was gewesen. DieVulgarisation des Geuialitätsanspruchs ist eines der amü-santesten Phänomene der Gegenwart. In Frankreich hatman dafür den Namen L.n <Zs Lisols erfunden.Wir, diewir mit einem Fuß im zwanzigsten Jahrhundert stehen,sind über alles hinaus". Das stimmt so ganz zuMensch-liches und Allzumenschliches", zuJenseits von Gut undBöse". In Deutschland haben Zeit und Umstünde vorallem eine Vervielfältigungsmethode geliefert, welche an diePhysikalische Übertragung der magnetischen Eigenschaft er-innert. Man reibt sich am Genie und wird dadurch seinerQualität teilhaftig. Etwas der Art gab es immer in der