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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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heit spricht aus der bunt bewegten Menge. Dieses unzer-störbare Temperament erklärt viel Glück und Unglück imSchicksal der Nation. Meine Frau, die im Wiesbadener Lazarett die Verwundeten Pflegen half und wegen ihrerKenntnis der Sprache der französischen Abteilung angehörte,konnte nicht genug erzählen, wie die Gefangenen und Be-siegten viel lustiger waren als die freien Sieger. AmMontag früh besuchte mich der mir nah befreundete re-publikanisch gesinnte Deputierte Auf seinen Wunschhatte ich ihm acht Tage früher, als die Debatte über denBeitrag Deutschlands zur Herstellung der Gotthardbahn in der französischen Kammer ein kleines Vorgefecht für diekriegerische Stimmung geliefert hatte, im Interesse desFriedens Material zusammengestellt, welches den friedlichenSinn der nationalen Bewegung in Deutschland nachweisensollte. Er wollte in diesem Geist bei der Beratung desBudgets sprechen. Als T. weggegangen, kommt ein andererDeputierter C., nicht Republikaner , mit dem ich befreundetwar, und erzählt, er sei selbst dabei gewesen, wie JsromeDavid berichtet habe, daß er am Morgen des 6. Juli beimKaiser gewesen, und man über Verschiedenes da gesprochenhabe, was für die Scene am Abend in der Kammer zuthuu sei, so daß die Ultras der kaiserlichen Partei dieGramer de Cassagnac, Dugus de la Fauconnerie, ElementDuvernois und andere nach Gramonts Erklärung in einenwvhlvorbereiteten Applaus ausbrechen konnten nnd dieanderen mit fortrisfen.Als es vorüber war," fuhr meinFreund fort,sahen wir uns gegenseitig an und fragtenuns: was haben wir gethan? Wir gestanden uns, daß wiruns zu einer patriotischen Demonstration hatten fortreißenlassen, wie das im ersten Augenblick zu geschehen Pflegt, woniemand zurückzubleiben wagt, um nicht gleichgültig zu er-scheinen." Er wie .5. sagten sofort, daß nur eine kleineMinderheit in der Kammer gegen den Krieg sein werde.