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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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Kamin zwei Leuchter je mit einer Kerze, die dritte Kerzemitten auf dem großen runden Tische in einer grünen Wein-flasche. Keudell, Abeken, Lothar Bucher und einige anderezu Tisch. Bismarck ist bei sehr gutem Appetit und sehr ge-sprächig. Er fragt mich, was ich von der Berufung desReichstags nach Versailles halte. Ich antworte, das wäreein Epigramm und kein Staatsakt. Er: wenn es aber nichtanders geht, muß der Staatsakt sich auch epigrammatischeinrichten; wenn der König auf einem krepierten Pferde nachder Schlacht bei Gravelotte ein Stück Käse ißt uud dabeivor der Front Kriegsrat hält, so ist das auch epigramma-tisch. Diesem fügt er noch einen anderen Vergleich bei, deretwas zu derb ist, um ihn hier zu wiederholen. Mir wollenalle diese Vergleiche nicht einleuchten. Er fragt mich, wielange die Wahlperiode des Zollparlaments noch laufe. Ichsage: bis März 1871. Er:dann müssen Sie auch nochher." Der Reichstag könne nicht ohne ihn, den Kanzler, ge-halten werden, und er nicht ohne den König sein; denn wennihm der König solche Vollmachten in dlsnoo gebe, daß ermit dem Reichstag frei agieren könne, dann erscheine derKönig als zu überflüssig; der König könne sich aber nichtentfernen, weil sonst die Generale unter einander nach ver-schiedenen Seiten zögen. So müsse das Parlament absolutzum König; die Notwendigkeit sei unvermeidlich, möglicher-weise könne er als eigentümliches Gegenstück zur selben Zeiteinen französischen Kongreß in Kassel halten lassen; wirhätten ja dazu eine ganze Regierungsgarnitur in Deutsch-land . Er wolle auch den Friedensvertrag und die Annexionvon Elsaß-Lothringen und vielleicht sogar die ganze Ver-fassungsänderung, als eine organische Umgestaltung desZollparlaments, vor diesen hier zu haltenden Reichstagbringen. So könne er eine politische Aktion durchführen,was ihm doch bis jetzt nicht gelungen sei, weil er jedesmal