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seinem prophetischen Schwung erhebt sich der Artikel sogar zum Aus-spruch, das; so etwas wie ein wiederhergestelltes heiliges römischesReich — ich hätte beinahe gesagt: drohe. „I^s Salut Lmvirs"sagt er zwar nur, ohne „römisch" hinzuzusetzen, und dasür wollenwir immerhin ihm dankbar sein. Aber da sich die Redaktion mitwachsendem Erfolg eines der preußischen Kriegskunst würdigen ele-ganten Französisch befleißigt, so weiß sie ohne Zweifel, daß SamtDwxii-s bedeutet: Heiliges römisches Reich , worüber dann die Ein-geborenen dieses schönen Departements sehr große Augen machenund von uns vermeintlich Eingeweihten Aufklärung verlangen.Wir sagen ihnen, daß es mit der Heiligkeit bloß ein Scherz ist,sie habe uns weder ein heiliges Reich noch als heilige Allianzsonderlich viel Glück gebracht, und hoffentlich läßt man es schlechtund recht bei Deutschem Kaiser und Reich bewenden. Hegt dochschon mehr als Einer Bedenken dagegen, daß die eingerostete Thürzum Kyffhäuser geöffnet, und der verstaubte Purpur mit der ueuenLebensluft in Berührung gebracht werde. Aber es giebt Dinge,die geschrieben stehen, d. h. die, so uns wahrnehmbar, ihrer Er-füllung entgegengehen, daß es Zeitverlust wäre, ihnen mit Wennund Aber den Weg zu verlegen. Den Kaiser werden wir haben,davon beißt keine Maus keinen Faden ab, und so sei er uns inGottes Namen bestens willkommen! So lange wir ein Bundes-staat mit vielen monarchischen Spitzen sind, wenn auch verschiedent-lich abgestumpften, ist es nicht mehr als streng folgerichtig, daß sichdie oberste Bundcsgcwalt ebenfalls in einer monarchischen Spitze ver-sinnliche, oder ans gut deutsch zu reden: die lieben Fürsten großund klein, sie werden sich leichter unter die Oberherrlichkeit einesdeutschen Kaisers bequemen, als unter einen Bundespräsidenten undpreußischen König. Die Handvoll romantischer Bläue, die über demalten Purpur schwebt, thut auch etwas dazu und ist am Ende auchdem Bolke des Südens, welches im großen nnd ganzen unleugbarseinen Spaß an der Sache hat, zu gönnen für hehre Fest- uudFeiertage.
Soweit wäre denn alles gut, und Tausende mögeu denken, dasOpfer an Blut und Thränen sei nicht zu groß gewesen, um zudiesem Ende zu gelangen, dem Anfang zugleich einer gewaltigen Zu-kunft. Doch manchen: bleibt das Herz noch schwer bei der Be-trachtung, daß wir durch diesen Strom von Blut und Thränenwaten mußten, bloß um über den Mainfluß zu kommen. Diesenstände ein höherer Trost bevor, wenn jetzt ein guter Geist ins deutscheVolk herniedersteigen wollte: wenn nämlich mit der Einheit auch dieEinigkeit zurückkehrte unter die freigesinnten Deutschen .
O, dann wäre das Blut gesühnt, dann wären die Thränen zutrocknen! Warum doch muß die Kenntnis der menschlichen Natur