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uns diese schöne Hoffnung rauben? Wer nicht rechnet mit der kleinenEigenliebe der Menschen, mit persönlichen Stellungen, in welchendie einst grundsätzlichen Ausgänge sich festgerankt haben, der müßtejetzt sagen: mit der Vollziehung der deutschen Einheit ist der ent-scheidende Grund des Zwiespalts zwischen den liberalen Deutschenweggefallen. „Die .Nationalen' haben ihr Ziel im wesentlichen er-reicht, ihre erste Arbeit ist gethan, ihr Programm erfüllt. Siemüssen jetzt nach anderer Arbeit ausgehen, nach der nimmer er-ledigten für innere Freiheit und Wohlfahrt. Aus der national-liberalen Aufgabe wird in erster Reihe eine liberale. Das Gleichegilt vom entgegengesetzten Lager. Wenn der Bund von Fürsten ,Reichs- und Landtagen besiegelt, wenn der Kreis geschlossen, wenndas Eine Deutsche Reich fest gemauert in der Erde dasteht, werdendie bisherigen Gegner des Nordbundes blindlings fortfahren, zuschreien: man soll ihn nicht lassen wachsen, man soll nicht in ihneintreten, man soll die Mainlinie etwa wiederherstellen? Auch diesesProgramm, dürfen wir annehmen, ist beseitigt, und es bleibt vonihm genau dieselbe wie vom nationalliberalen: die Sorge um Frei-heit und bürgerliche Wohlfahrt innerhalb der befestigten Grenzen.Selbst das Begehren nach der Wiederaufnahme von Deutsch-Öster-reich ist kein Grund des Zwiespalts mehr. Nnn es sich nicht mehrdarum handeln kann, Deutschland entzwei zu sprenget?, suche, werLust hat, und wie ihm gut dünkt, das Reich ostwärts zu mehren.Die letztlich, welche den Nachdruck aus die republikanische Staats-form legen, müssen, insofern überhaupt sie politisch zu denken ver-stehen, einräumen, daß wir unmöglich, nach eben unter so schwerenWehen für den deutschen Staat geborener Form, sofort nach einerneuen ausgehen können, statt an der Verbesserung der gewonnenenzu arbeiten. Man sollte meinen, das abschreckende Exempel vonden üblen Folgen der nimmer ruhenden Staatsexperimentierkunst,das wir vor Augen haben, wird genügen. So blieben denn nurdie Sozialisten und die Ultramontnnen, mit denen an Frieden nichtzu denken wäre. Gerade in diesem Augenblick, da Frankreich unsvor den einen und die preußischen Wahlen uns vor den anderenheilsam warnen, müßten die aus Freiheitsliebe bisher dem Nord-winde und Preußen feindlichen Politiker froh sein, den beschämen-den Koalitionen zu entrinnen und reine Freiheitsarbeit machen zukönnen. Auf diese Weise wird, wie man oft vorausgesagt, bei dereroberten Einheit keine Sache besser gefahren sein als die Sache derFreiheit. Diese Errungenschaft erst, die Wiedervereinigung der altenliberalen Parteien, wäre die würdige Vollendung der großen Be-gebenheit, die strahlende Verherrlichung des neugeborenen DeutschenReichs; sie erst würde dieses Fest zu einem heiligen machen.
Da und dort, an einzelnen, stillvernünftigen Grtwpen dies- und