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jenseits mag diese Hoffnung zur Wirklichkeit werden. So vieles,das für unmöglich galt, ist möglich geworden, daß wir nicht mut-los vor diesem schönen Bestreben wollen die Hände in den Schoßsinken lassen. Aber im großen und ganzen, fürchte ich, wird diemenschliche Natur, die Macht der Gewohnheit, die Lust der Per-sönlichkeiten an Reibungen und Geltung, ja sogar der Reiz desHassens und Verachtens die Oberhand behalten. Und das alles,trotzdem jeder zugeben muß: wer jetzt noch den Nachdruck auf dasnationale Programm legen wollte, gliche dem Manne, der mit derBrille aus der Nase umherläuft, seine Brille zu suchen. Und diegar, welche noch immer mit der Front gegen Preußen, gegen denBund und das Jahr 1866 stehen, gemahnen an jenen treuenDiener, welcher durchaus nicht wollte, daß die Tochter des Hausesden Lehrer heirate, und stets ausrief: „ich bin gegen die Partie,ich bin gegen die Partie!" Dennoch heiratete die Tochter den Lehrer,es kam Hochzeit, und es kam Kindbett' der treue Diener trug diekleinen Bübchen und Mädchen treppauf treppab in seinen Armen,und sie zupften ihn am Bart, er aber konnte nicht lassen, zurufen:ich bin gegen die Partie, ich bin gegen die Partie!
Versailles , am 26. November, dem ersten Tage der deutschenEinheit und glücklicherweise dem letzten des Zollparlaments.
Am 3. Dezember aß ich in interessanter Gesellschaftbei Odo Russell, dem englischen Agenten in Versailles undspäteren Botschafter in Berlin . Er war bezaubert von Bis-marck und sagte, wenn der Krieg mit England wegen derKündigung des russischen Vertrages von 1856 vermiedenwurde, so sei es rein Bismarcks Verdienst. Am 4. Dezem-ber ließ Bismarck Herrn von Roggenbach rufen und bat ihn,spornstracks nach Berlin zu reisen, um einen Druck auf dieAbgeordneten zu üben, da Delbrück sehr besorgt sei über dieAbstimmung im Reichstage wegen der Verträge. Bereitswaren auf gleiche Veranlassung schon vor drei Tagen ver-schiedene in Versailles anwesende Reichstagsabgeordnete überHals und Kopf nach Berlin gereist. Es schien, daß mansich an der Militärselbständigkeit Bayerns bei der national-liberalen Partei zn sehr stoße und darauf rechne, Bayern müsse doch schließlich nachgeben. Als ich zu Roggenbach