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Schulze-Gaevernitz,
Auch die Biologie arbeitet mit bestimmten teleologischen Grund-begriffen, wie Leben, Krankheit, Tod, Anpassung usw. Der Organismus— eine Aufhäufung ewig wechselnder chemischer Stoffe, aber doch„ein Ganzes", zusammengehalten durch die Beurteilung, daß dieTeile auf äußere Reize für den Zweck der Erhaltung des Ganzenreagieren. Trotzdem erstrebt die Biologie die kausale, letzthin mecha-nistische Erklärung der Lebensvorgänge, „die Zurückführung derKausalität im organischen Leben auf die der anorganischen Körper".Ein Darwin arbeitet mit dem teleologischen Begriff des Lebens, erspricht von „Mitteln", die den Organismus „befähigen" zu existieren —aber er sucht unter Ausschaltung aller zwecktätigen Kräfte die Ent-stehung der Arten rein kausal zu erklären. So schon Kant: der Begriffdes Organismus ist teleologisch auf das zweckmäßige Wechselverhältniszwischen dem Ganzen und den Teilen gestellt; aber „ich soll über dieOrganismen nach dem Prinzip des bloßen Mechanismus reflektieren,weil, ohne ihn der Naturforschung zugrunde zu legen, es gar keineeigentliche Naturerkenntnis geben kann".
Die Wertgesichtspunkte, durch welche die Kulturwissenschaften ihrGebiet begrenzen, umfassen jene Werte, die wir in ihrer Gesamtheitals „Kultur" (das zu Pflegende) bezeichnen. Teils sind es die letzten(absoluten) Werte der Kultur in Recht und Staat, in Wissenschaft,Kunst und Religion, teils die mittelbaren (relativen) Werte der Kulturin Sprache und Wirtschaft. Nach dem System dieser Werte gliedertsich das Gebiet der Kulturwissenschaften.
Es liegt einem solchen Gedankengange nahe, wenn Stammler denNaturwissenschaften die Zweck Wissenschaften gegenüber stellt, indemer als Zweck nur den „berechtigten" Zweck gelten läßt, „der einemallgemeingültigen Gesetz des telos entspricht"; aber er faßt diesenZweck zu eng, indem er lediglich an das politische Ideal: eine Gemein-schaft freiwollender Menschen denkt.
Die Wirtschaftswissenschaft ist durch die Besonderheit ihres Aus-wahlprinzips von den anderen Kulturwissenschaften unterschieden.Aus der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen liest sie die-jenigen heraus, welche wirtschaftlich bedeutsam sind, d. h.wesentlich für die Unterwerfung der äußeren Natur durch menschlicheTätigkeit unter die Zwecke der menschlichen Bedürfnisbefriedigung:„Sachgüterbeschaffung" im weitesten Sinn (Herstellung,Verteilung, Verbrauch), als solche stets eine „Form- oder Ortsver-änderung" des Stoffes. Objektive Voraussetzung für ein solches Gebietvon Erscheinungen ist eine gewisse Beschränktheit der Natur gegen-über dem sich in das unbegrenzte entfaltenden Bedürfnis: Es handeltsich um einen Kampf mit der Natur, um Aufwendung von Mühe und