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Neubau der Weltwirtschaft / von Gerhart von Schulze-Gävernitz
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Industriestaat ohne eigenes weitgespanntes Kolonialreich steht,der diese Rohstoffe au sich zieht? Mit den ForderungengegenDeutschland zahlt der britische Koloniale dem Gläubigerdes Mutterlandes. Insofern hat also das britische Imperiumdas größte Interesse daran, an Deutschland einen kaufkräftigenIndustriestaat zur Seite zu haben. Des weiteren bestand, wasdas Verhältnis zwischen dem englischen Mutterland undDeutschland angeht, vor dem Kriege eine außerordentlichverzweigte Arbeitsteilung, bei der sich nicht sagen läßt, daßder eine Staat die Rohstoffe oder die Halbfabrikate lieferte, derandere die Fertigfabrikate. Im Gegenteil, das Verhältnis war einkreuzweises. Zum Beispiel: Die deutsche Textilindustrie alshochverarbeitende Industrie kaufte britische Garne und britischeRohgewebe, um sie zu verweben, zu veredeln Deutschland dasLand der Farbenchemie. Gerade umgekehrt war das Verhältnisauf dem Gebiete des Eisens. Hier hat Deutschland die Halb-fabrikate geliefert und England sie zu Maschinen und vor allemzn Schiffen verarbeitet. Nach dem Kriege wird in England einwahrer Hunger nach Schiffen, Eisenbahumaterial, Schienenbestehen. Denken wir denn, daß England , das vor allemSchifte wird bauen müssen, nicht das Eisen dort kaufen wird,wo es sich ihm bietet, auch wenn es deutsches Eisen ist?

Freilich wollen wir diese Sache nicht zu optimistischbeurteilen. Es bleibt die Gefahr des wirtschaftlichenNationalismus nach dem Kriege bestehen. Es bleibtnicht nur die Gefahr des Boykotts, sondern vor allem dieTatsache, daß die Ententeländer zahlreiche Kriegsindustriengegründet haben, welche zurzeit vielleicht Munition oder Spreng-stoffe anfertigen, in Friedenszeiten aber sich nur allzu schnellauf friedlichen Mitbewerb mit Deutschland umstellen werden.Dann bleibt die weitere wirtschaftsgeschichtlich so interessanteTatsache, daß auch heute wieder der Fremde ein Träger deswirtschaftlichen Fortschritts ist, in diesem Falle der Kriegs-gefangeue. Die Ententeländer habeu es verstanden, aus unserenGefangeneu so manches Geheimnis herauszulocken. Ich möchte,um ein kleines, aber recht bezeichnendes Beispiel zu erwähnen,nur darauf hinweisen, daß zu Beginn des Krieges die Ententenoch auf Umwegen über neutrale Länder für ihre eigenenKriegslazarette Fieberthermometer aus Deutschland kommenlassen mußte. Allmählich hat man aus den deutschen Kriegs-gefangenen die Kunst, solche Thermometer herzustellen, her-ausgelockt. Heute ist die Entente in dieser Beziehung unab-hängig. Ein Beispiel für viele!