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Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
Entstehung
Seite
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Reichslande zu parieren undhofft den damals stark zermürbtenFranzosen eine goldene Brücke zu bauen".

Ein Programm des wirtschaftlichen Wiederauf-baus entwickelt Schulze Gaevernitz in seiner großen Reichstags-rede vom 3. Mai 1918. Den Anlaß hierzu gibt ihm die Neuer-richtung des Reichswirtschaftsamtes. In dieser Rede entscheidet ersich für die freie Wirtschaft im Innern, denn, so führt eraus,noch ist kein stärkerer Hebel für die Produktivität der Volks-wirtschaft und des technischen Fortschritts gefunden worden alsdas legitime Gewinnstreben des Einzelunternehmers". Aber diestaatliche Regelung erscheint ihm dort als das kleinere Uebel,wo private Monopole sich ausbilden oder fertig vorliegen". Da-neben verlangt er einen Umbau des Steuersystems nachvolkswirtschaftlichen Gesichtspunkten und warnt davor, die Steuernnur auf Grund fiskalischer Momente zu erheben, ohne die volks-wirtschaftliche Produktivität dabei zu beachten. Für den Außen-handel stellt er das Programm der Meistbegünstigungauf. Fast prophetisch erscheinen uns heute die Worte, die erdamals sprach, daß es allen Völkern in Zukunft freistehen solle,ob sie sich mit hohen oder niederen Zollmauern umgeben wollen,aber sie mögen sich alle einmal gegenseitig versprechen, sich zugleichen Bedingungen zu behandeln und keine Nation vor deranaern zu bevorzugen". Diese Forderung erklärt er als daswich-tigste aller wirtschaftlichen Kriegsziele, nicht nur für Deutschland,sondern für die Weltwirtschaft überhaupt und alle an ihr beteiligtenVölker". Seine Rede fand im Ausland größte Beachtung, und dieNew Yorker ZeitschriftNew Republic" bezeichnete sie als einenLichtstrahl aus Deutschland". Zweifellosgibt es", so schrieb dasNew Yorker Blatt,wenige Deutsche, deren Einblick in die Welt-wirtschaft so scharf ist wie der von Schulze Gaevernitz. Nochweniger gibt es, die es im gegenwärtigen Augenblick wagen, solcheUeberzeugung auszusprechen."

Dieselben Motive veranlaßten Schulze Gaevernitz sich jener Be-wegung anzuschließen, die von Naumann ausging und durch einenengeren Zusammenschluß mit Oesterreich-Ungarn einwirtschaftliches Mitteleuropa zu schaffen beabsichtigte.Aus der Blutsbrüderschaft sollte eine Wirtschaftsgemeinschaft werden.Für Deutschlands Industrie sah Schulze Gaevernitz in diesem Mittel-europa eine Erweiterung des inneren Marktes um etwa das Dop-pelte, betonte aber,daß Mitteleuropa und Weltwirtschaft keines-wegs Gegensätze" seien, vielmehrnur ein einzelner Fall einerallgemeinen Zollvereinsbewegung". Diese Idee, die Polen ein-schließen und damit dem östlichen Deutschland ein Hinterland gebensollte, scheiterte an den militärischen Annexionsabsichten, die biszur Narewlinie gingen. Wenn sich auch dieser kühne Plan infolge-dessen nicht hat verwirklichen lassen, so kann man in ihm dochden Vorläufer für den heute aktuellen Gedanken eines Paneuropaerblicken.

Wie Schulze Gaevernitz stets alle Annexionspläne, be-sonders soweit sie den Osten und Polen betrafen, bekämpft