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hatte, so war er während des ganzen Krieges für einen Ver-ständigungsfrieden eingetreten. Eine Rede, die er im Herbst1917 in Freiburg nach der Annahme der Friedensresolution des Reichs-tages im Anschluß an die gleichzeitigen Bestrebungen Lord Lands-downes hielt, konnte infolge des Eingreifens der militärischen Zensurnicht verbreitet werden. Sein mutiges Eintreten für eine rechtzeitigeVerständigung mit den Gegnern zog ihm wie allen anderen, diesich warnend gegen die Hybris der Annexionisten stellten, dieheftigsten Angriffe besonders von Seiten der damalsneugegründeten Vaterlandspartei und ihrer Vorkämpfer zu.Professor Georg von Below, sein Freiburger Universitätskollegeals lautester Führer im Streit, glaubte ihn dadurch politisch un-möglich zu machen, daß er ihn gleichsam als Landesverräterhinstellte. In einer Schriftensammlung der Deutschen Vater-landspartei schrieb er damals: „Der volksparteiliche Reichstags-abgeordnete von Schulze Gaevernitz hat in Offiziersuniform in öffent-licher Versammlung unter heiterem Beifall der anwesenden Sozial-demokraten (natürlich unter lebhaftem Protest) die Vaterlandsparteiin ähnlicher Weise wie Delbrück angegriffen und dabei unter anderenbedenklichen Sätzen den folgenden gesprochen: „Die Arbeiterorgani-sationen sind heute in der Lage, in 14 Tagen die hohen strategischenTalente Hindenburgs und Ludendorffs glattweg lahmzulegen. DieserSatz stand neben anderen bei ihm in einem System der Flau-macherei." An diese Ausführungen Belows schloß sicheine lebhafte Polemik, und Schulze Gaevernitz fand in HansDelbrück, der trotz seiner echt konservativen Gesinnung auchzu den Gegnern der Vaterlandspartei gehörte, einen mutigenVerteidiger. In den Preußischen Jahrbüchern antwortete erBelow: „Professor von Below bestätigt, daß er sich damit ein-verstanden erklärt hat, wenn man seinen Kollegen an der FreiburgerUniversität, den Reichstagsabgeordneten von Schulze Gaevernitz, alsVerbrecher und Landesverräter bezeichnen wollte, und steigert dieseBeschimpfung jetzt noch dadurch, daß er mich fragt, ob ich diesePrädikate nicht auch für zutreffend hielte. Der Satz von SchulzeGaevernitz' ist ja nichts weiter als eine Umformung des bekanntensozialdemokratischen Verses: „Alle Räder stehen still, wenn meinstarker Arm es will", gegen die man protestieren mag, die manaber nicht mit ehrenkränkenden Ausdrücken zu belegen braucht."
Im Auftrage des Reichskanzlers Prinzen Max bereist SchulzeGaevernitz noch kurz vor der Revolution, im Oktober 1918,die baltischen Provinzen, um dort mit den sogenanntenNationalen, den Letten und Esten Fühlung zu nehmen und mitihnen über den Erlaß freier demokratischer Verfassungen für ihreLänder zu verhandeln, die gleichzeitig den Schutz der deutschenMinderheiten sicherstellen sollen. Im Ritterschaftshause zu Rigamuß er sich der schweren Aufgabe unterziehen, den baltischenBaronen mitzuteilen, daß der Krieg von Deutschland verloren sei,während diese noch an den Sieg Deutschlands glaubten und sichin der Hoffnung auf die Errichtung einer deutschen Sekundogeniturwiegten. Von Riga reist er nach Reval mit dem gleichen Ziel.