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Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
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Nachdem er dort erfahren hat, daß der Führer der sozialistischenPartei Estlands Dr. Strandmann von den deutschen Behördengefangen gesetzt worden sei, veranlaßt er den kommandierendenGeneral zur Freilassung dieses hervorragenden Parteimannes, wobeisich herausstellt, daß dem General die Gründe der Gefangennahmedieses prominenten durchaus deutschfreundlichen Politikers gänzlichunbekannt sind. Für Deutschland können auch seine Bemühungenin den Randstaaten infolge des bevorstehenden Zusammenbruchsnichts mehr retten.

Am 8. Oktober 1918 erscheint in der Vossischen Zeitung ein Auf-satz Schulze Gaevernitz' unter dem Titel:W ilsons Friedens-vermittlung", der ungeheures Aufsehen erregt, wird in ihm dochdarauf "hingewiesen, daß Wilsons Friedensbemühungen 1917 durchdie deutsche Politik vereitelt worden seien, und versucht den Bodenfür die bevorstehenden Friedensverhandlungen vorzubereiten. SeineBehauptungen sind seitdem durch das Buch des Grafen Bern-s t o r f f und zahlreiche amerikanische Quellen (Oberst House)voll bestätigt worden. Schon im Januar 1918 hatte er inderDeutschen Politik" in einem Artikel ein Gespräch miteinem führenden amerikanischen Journalisten, dem Herausgeberder Evening Mail, Odell - New - York, wiedergegeben. DerAmerikaner hatte in dieser Unterhaltung darauf hingewiesen,daß es allein der Freiheitsgedanke gewesen sei, der in Amerikadem Krieg gegen Deutschland den bei uns nie geahnten Schwungverliehen habe. Dieser furchtbare Krieg wäre aber nicht umsonstgeführt worden, wenn sein Erfolg der wäre, daß in Rußland wiein Deutschland eine freiheitliche Regierung, d. h. eine Regierungfür das Volk und durch das Volk errungen würde.An diesemMenschheitsziele mitgearbeitet zu haben, ist der Ehrgeiz des Präsi-denten." In seinem Aufsatz in der Vossischen Zeitung weist des-halb Schulze Gaevernitz darauf hin, daß Deutschland jetzt eineRegierung des Volks Vertrauens besäße, und es nunmehr an Wilsonwäre, zu zeigen, ob er wirklich seine Worte erfüllen wolle.. SchulzeGaevernitz beabsichtigt, wie er es selbst ausführt (Breisgauer Nach-richten vom 7. Nov. 1918), mit seinem Aufsatzdem deutschenVolke einen wahreren Wilson nahe zu bringen, stattdesjenigen, welchen die alldeutsche und rechtsstehende Presse alsHeuchler, Gauner, Mörder urteilslosen Gehirnen in ewiger Wieder-holung eingehämmert hat", sei doch Wilsonder Schiedsrichterdes Weltkrieges", und diese Schmähungen, die dem Präsidentenunverzüglich vorgelegt würden, verbesserten nicht unsere Friedens-aussichten. Demgegenüber suchte Schulze Gaevernitz durch seinedamalige Publizistik, für deren Weiterleitung in das Weiße Hausgesorgt war, Wilson zu zeigen,daß eine gerechtere und sach-gemäßere Beurteilung seiner Politik auch in Deutschland nicht fehle".

Trotzdem hat Schulze Gaevernitzden möglichen EinflußWilso'ns auf die Friedensverhandlungen nichtüberschätzt, nachdem der amerikanische Präsident sein bestesArgument, die Unbesiegtheit Deutschlands, verloren hatte und zu-gleich durch die Kriegspsychose seines eigenen Landes sowie durch