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den Umfall Lloyd Georges gelähmt war". Immerhin hatWilson Schlimmeres, die Ablösung des linken Rheinufers vonDeutschland, verhindert. Die erneuten Angriffe von all-deutscher Seite, besonders der Süddeutschen Monats-hefte, z. B. durch einen Aufsatz „Die Volksstimmung EndeOktober 1918", waren umso unberechtigter, als Schulze Gaevernitzin jenen Tagen ähnlich wie Walther Rathenau, mit dem erdamals öfters zusammenkam, sich gegen die einseitigen Entwaff-nungsbedingungen des bevorstehenden Waffenstillstands aussprach.
Am 12. A p r i 11 9 1 9 tritt Schulze Gaevernitz, nachdem der Abge-ordnete Dietrich sein Mandat niedergelegt hatte, als Vertreterdes 3 3. Wahlkreises (Baden) in die Nationalver-sammlung ein. In jener denkwürdigen Sitzung, die am 12. Mai1919 in der Universität Berlin stattfindet, nimmt er zum ersten Malan den Tagungen dieses Parlaments teil. Er beteiligt sich aufslebhafteste an den Beratungen über die neue Reichsverfassung undbefürwortet den § 18, der eine territoriale Neuordnung des Reichesnach dem Willen der in Betracht kommenden Bevölkerung zumZweck hatte. Sein Ziel war es, „einen dezentralisiertenEinheitsstaat zu schaffen, d. h. die Verschmelzung der Reichs-spitze mit der preußischen Spitze, die Hebung der preußischen Pro-vinzen oder neuzuschaffender territorialer Gebilde in Norddeutsch-land auf die Höhe der süddeutschen Staaten". Sein Antrag zuArtikel 41, anstatt des Wortes „Reichspräsident" das Wort„Reichswart" zu setzen, wird jedoch abgelehnt. Um unnötigenAgitationsstoff zu vermeiden, gehörte er damals zu denjenigen Mit-gliedern der demokratischen Partei, die sich für die Beibehaltungder schwarz-weiß-roten Reichsfahne erklärten.
Angesichts der menschenmordenden Wirkung der Hunger-blockade stimmt Schulze Gaevernitz im Juni 1919 für den Ver-sailler Frieden, denn er befürchtet von einem vertrags-losen Zustand die Ge f a h r eines süddeutschen Separat-friedens und den Wiederausbruch eines Spartakusaufstandes inNorddeutschland. Außerdem sieht er die Unmöglichkeit eines mili-tärischen Widerstandes und glaubt durch den Frieden „wenigstensden geographischen Bestand des deutschen Reiches, wenn auchverkümmert, zu erhalten". Es war dies „die schwerste politischeEntscheidung seines Lebens". Er wendet sich stets gegen dieAnerkennung der Alleinschuld Deutschlands, dennwenn er auch für die Unterzeichnung des Friedensdiktates einge-treten war, hatte er damit niemals die Berechtigung des Friedens-vertrages anerkannt. Im Gegenteil, er setzt seinen Kampf umeinen gerechten Frieden für Deutschland fort und appelliertan das Gewissen der Demokraten der ganzen Welt, be-sonders in England und Amerika, unter Berufung auf seine jahr-zehntelangen Bemühungen um das Verständnis angelsächsischenWesens in Deutschland. In einem offenen Brief, der in verschie-denen ausländischen Zeitungen und später als Broschüre unter demTitel „Der Frieden und die Zukunft der Weltwirt-schaft" erscheint, verweist er auf seine vermittelnde Tätigkeit