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Die sozialpolitischen Ideen, die Schulze Qaevernitz im „SocialenFrieden" entwickelte, setzt er in seinem zweiten großen Werk „DerGroßbetrieb, ein wirtschaftlicher und sozialerFortschritt" (1892) fort. In diesem Buche, das ihn bald überDeutschlands Grenzen bekannt machte, stellt er die Frage: „Inwelchem Verhältnis steht der wirtschaftliche Fort-schritt der arbeitenden Klassen, welches ist die Bedeu-tung der hohen oder niederen Lebenshaltung der Massen für diewirtschaftliche Machtentfaltung einer Nation?" Hier zeigt er sichnicht nur als Sozial-, sondern als Nationalpolitiker, denn die sozialenVerhältnisse sollen nach seiner Meinung so gestaltet werden, daßDeutschland ein politisch und wirtschaftlich mächtiger Staat wird.Wieder nimmt er die Verhältnisse der englischen Industrie, und zwardie der Baumwollindustrie als Grundlage seiner Untersuchungen, umaus den englischen Wirtschaftszuständen Schlüsse für die Entwick-lung der deutschen Volkswirtschaft zu ziehen. „Der beste Ar-beiter der Welt", so sagt er, „ist heute der mit denhöchsten Bedürfnissen", denn „ähnlich wie man den Sklavennicht bessere Werkzeuge in die Hand geben konnte, waren einemelenden Fabrikproletariat die immer komplizierteren und wertvollenMaschinen nicht anzuvertrauen; um die Geschwindigkeit der Spindelnzu erhöhen, die Zahl der zu beaufsichtigenden Spindeln zu steigern,die Zahl der Arbeiter pro Spinnerei gegebener Größe zu mindern,dazu bedurfte es eines Arbeiters höherer Lebenshaltung." SeineUntersuchungen führen für ihn zu dem Ergebnis, „daß dort, wodie Kosten der Arbeit am niedersten sind, die Arbeitsverhältnisseam günstigsten liegen, die Arbeitszeit am kürzesten ist und dieWochenverdienste der Arbeiter am höchsten sind", denn die tech-nischen Fortschritte verlangen von dem Arbeiter zwar höhere Lei-stungen, aber sie verbessern seine Lage. „Physische Behendigkeit,geistiges Verständnis und die Tragung von.Verantwortlichkeit sindvon jenem schlechtgenährten Fabrikproletariat, wie es die Groß-industrie bei ihrem Auftreten schuf, nicht zu erwarten. Hierzu bedarfes einer höheren Lebenshaltung des Arbeiters und derRückführung der Arbeitszeit auf angemesseneGrenzen." Als das grundlegende Resultat seiner Studien überden Großbetrieb können uns deshalb die folgenden Worte gelten:„Nicht die Länder, welche die niedrigst gelohnte Handarbeit, sonderndie, welche die besten und am meisten Maschinen anwenden, er-weisen sich heute am stärksten in dem gewerblichen Wettkampfder Nationen." „Damit wurde der Grundgedanke Fordsum zwei Jahrzehnte vorweg ausgesprochen."
Abermals mit englischen Fragen beschäftigt er sich in der inNaumanns Göttinger Arbeiterbibliothek erschienenen kleinen Schrift:„Ueber die Genossenschaftsbewegung der eng-lischen Arbeiter" (1896). Das Verhältnis zwischen Englandund Deutschland behandelt er in seinem in vielen Auflagen erschie-nenen Buche „England und Deutschland" (1908), in demer besonders Deutschlands Anrecht auf eine starke Flotte be-gründet, aber den Gedanken eines Angriffskrieges gegen England