auf das entschiedenste verwirft, weil er in dem britischen Reicheeine „Kulturtatsache alleresten Ranges" sieht. In diesem Zusammen-hange sei auch schließlich auf seine Kriegsschrift „Freie Meere"(1915) hingewiesen, in ihr tritt er vor allem gegen England für dieGleichberechtigung Deutschlands als Flotten-macht und im Ueberseehandel ein und verlangt die Anerkennungdes Privateigentums zur See im Kriege.
Die Studien Schulze Gaevernitz' über England gipfeln in demMeisterwerk „Britischer Imperialismus und englischerFreihandel im 19. Jahrhundert" (1906, 2. Auflage 1915).In diesem Buch kennzeichnet er in geistvoller Weise, gestützt aufdie Untersuchungen Max Webers und Ernst Troeltsch',die Grundlagen der britischen Weltmacht, ihre histo-rischen Aufgaben und ihre kulturelle Mission. „Vom weltgeschicht-lichen Standpunkt aus ist das wichtigste Ereignis des 19.Jahrhunderts", so leitet er sein Buch ein, „die Weltherr-schaft des Angelsachsentum s". „Napoleons scheinbarphantastische und auseinandergehende Politik ist nur dann in ihrerEinheit und Größe zu verstehen, wenn man den einen leitendenGedanken erfaßt hat: Der Kampf gegen England be-herrscht bei Napoleon alles." Infolgedessen bedeutete derglänzende Sieg Deutschlands über Frankreich 1870/71 auch eineWendung in der Politik für England. „Bei Sedan donnertendie deutschen Kanonen auch zu Gunsten Englands."Parallel mit Max Webers berühmter Abhandlung über diePuritaner entrollt Schulze Gaevernitz ein Bild der geistigen Ent-wicklung Englands vor unseren Augen. Der Geist Benthams hat diealte Welt zersprengt. „Geld wird der Zweck schlechthin", der öko-nomische Rationalismus triumphiert und findet seinen Höhepunkt inRicardo. „Liberalismus aber und Demokratie sind bri-tisch-puritanischen Ursprungs." Ausgehend vom Inde-pendententum, gipfelnd'in den Quäkern, kommen die Engländer nachSchulze Gaevernitz' Meinung von der Gewissens- zur bürgerlichenFreiheit. In England entsteht die Aufklärung, der eng-lischen entstammt die französische und dieser die deutsche. Kantaber wurde zu ihrem Ueberwinder, indem er alle Meta-physik beseitigte, die materialistische nicht minder als diespiritualistische. Seine Lehre führt zur Forderung eines„Ueberwirtschaftsmenschen"; „aber damit tritt man ausder englischen Geistesgeschichte heraus". Schulze Gaevernitz siehtin der Religion „das Rückgrat der angelsächsischenK u 11 u r", sie steht unter dem Einfluß des Puritanertums, das dasJenseits in das Diesseits hineinträgt. So beruht „die Ueberlegenheitdes angelsächsischen Typus auf kapitalistischer, sexueller, nationalerund sozialer Disziplinierung".
Wenn auch Deutschland „über ein geringes ethisch-poli-tis ches Erbteil als England" verfügt, so ist es doch diei Geburts-stätte des Idealismus. „Aus deutschen Gewässern tauchtejenes Felseneiland auf, auf dem eine Kulturwelt neu gegründetwerden kann. Der deutsche Idealismus war es, welcher Puritaner-