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Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
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sehen Zustände fanden ihren Niederschlag in dem grundlegendenWerkVolkswirtschaftliche Studien aus Rußland"1899, das heute wieder mehr denn je beachtet werden sollte, wennauch natürlich manche Tatsachen durch die Ereignisse überholtworden sind.Nicht die europäischen Gedanken europäisieren Ruß-lands Verhältnisse", so sagt Schulze Gaevernitz in der Einleitung,ohne Einfluß auf die gesellschaftliche Struktur des Ganzen ver-kümmern sie in der dünnen, literarisch gebildeten Oberschicht, weilihnen der volkspsychologische Boden fehlt, in den sie breite Wurzelneinsenken könnten".Von Bedeutung wurden die philosophischen,politischen, sozialen Gedanken Europas in Rußland erst insoweit,als sie den eigenartigen wirtschaftlichen Bedürfnissen des Zaren-reiches sich dienstbar erweisen." Was Schulze Gaevernitz vor mehrals 20 Jahren in Rußland feststellte, dürfte noch heute von derrussischen Industrie gelten, daß sieeinen kolonialenCharakter trägt; die modernen Formen des fabrikmäßigen Groß-betriebes wurden vom Westen her übernommen und unvermitteltaufgebaut". Der Merkantilismus Peters des Großen, der aus Ruß-land einen europäischen Staat zu machen versuchte, unterschiedsich wesentlich von dem der Westmächte, denn dort wardermoderne Staat nichts anderes als die Organisation dieses Bürger-tums". Im Osten dagegen warder militärische Zweck Selbst-zweck des Staates", deswegen warim Westen der Staat dasWerkzeug, im Osten der Vormund des Handels". Schulze Gaever-nitz' Beobachtungen ließen sich dahin ergänzen, daß der preußischeMerkantilismus Züge trug, die dem russischen stark wesensver-wandt sind.

Bis zur Zeit Alexanders II. zerfielen deshalb alle gewerblichenUnternehmungen in zwei Gruppen: die gutsherrlichen und die unterStaatsaufsicht befindlichen sogenannten Possessionsfabriken. DieAufhebung der Leibeigenschaft brachte für Rußland erst die wirk-liche Befreiung der Arbeiter, aber schuf noch keine Arbeiterbe-wegung. Dennebenso verschieden wie der unfreie FabrikarbeiterRußlands von dem modernen westeuropäischen Arbeiter war, ebensowenig glich der Gutsherrfabrikant dem westeuropäischen Arbeit-geber, welcher, in England wenigstens, bereits um die Wende desJahrhunderts das Individuum der klassischen Nationalökonomie soziemlich verwirklichte. Der adlige Fabrikbesitzer verfolgte nichtim freien Kampfe seine Interessen mit kaufmännischem Geiste.Seine Stellung beruhte auf rechtlichem und tatsächlichem Monopol."

Zur Kennzeichnung der industriellen Verhältnisse Rußlands be-schäftigt sich Schulze Gaevernitz eingehend mit der russischenBaumwollindustrie, die er mit den Zuständen der eng-lischen Baumwollindustrie, wie er sie imGroßbetrieb" geschilderthat, vergleicht. Er hält die für Westeuropa gewonnenen Grundsätzewegen des kolonialen Charakters der russischen Industrie, der damitverbundenen hohen Kapitalkosten und der mittelalterlichen Volks-psychologie für Rußland nicht ohne weiteres für anwendbar, dennder Grundunterschied der russischen von der westeuropäischenFabrikarbeit läßt sich in den Satz zusammenfassen: Der Arbeiter