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hat das Band mit dem Lande noch nicht zerrissen". Gilt dieserSatz nicht auch noch heute?
Auch in diesem Buche versucht Schulze Gaevernitz diejenigengeistigen Strömungen aufzudecken, die hinter den russi-schen Wirtschaftskräften standen. Er findet sie bei den S 1 a v o -philen und Panslavisten. Immer wieder betont er derenenge Zusammenhänge mit der deutschen Kultur.Die Slavophilen standen unter dem Einfluß der deutschen Romantik.Der Kampf der Panslavisten galt bei aller Feindschaft gegen Peutsch-land hauptsächlich England. Schon vor 30 Jahren spürte SchulzeGaevernitz die große Bedeutung, die der deutsche So-zialismus für die russischen Intellektuellen besaß,schildert er uns doch eine Unterredung mit Tolstoi, bei der„der große Dichter und Volksfreund nach keiner Kunde lebhafterund mit größerem Interesse forschte, als nach den Fortschrittendes Sozialismus in Deutschland. In seinem Aufsteigen erblickteer die Morgenröte eines völlig neuen wahrhaft evangelischen Zeit-alters."
Seine Erörterungen russischer Probleme führen ihn zu demErgebnis: Rußland ist trotz aller Gegensätze auf eine Verständigungmit Deutschland angewiesen, Deutschland aber muß sich hüten,in den Fehler zu verfallen, den Friedrich List einst denEngländern vorwarf, die sich allein zur Industrieentwickelung be-rufen erklärten. Die damals ausgesprochenen Worte könnten auchheute als Leitmotiv für die Behandlung der Beziehungen zwischenDeutschland und Rußland gelten: „In handelspolitischer Beziehungaber ist Europa und Deutschland für Rußland nahezu gleichbe-deutend. Deutschland hat eine größere Einfuhr nach Rußland alsirgend welches andere Land. Wie die geistige Berührung mitDeutschland (die Romantiker, Hegel, Marx) in diesem Jahrhundertfür das russische Geistesleben entscheidend gewesen ist, so sindauch die russisch-deutschenWirtschaftsbeziehungenvon Natur die engster Nachbarschaft; der deutsche Kauf-man versteht sich am besten auf russische Bedürfnisse und russischenGeschmack; die zahlreichen Deutschen in Rußland vermitteln mitihnen persönliche Beziehungen."
Diese russischen Untersuchungen hatten den Grundgedan-ken: Rußland muß sich aus finanz- wie aus machtpolitischenGründen wirtschaftlich europäisieren, daher „über den bäuer-lich proletarischen Zwergbetrieb des Nationalwirts zu größeren,Ueberschüsse für Exportzwecke verkaufenden Bauernbetrieben über-gehen, zugleich vom Gemeindeeigentum zum Privateigentum", nach-dem der Adel als Landwirt versagt hatte. Eingeleitet von PeterS t r u v e hatten Schulze Gaevernitz' volkswirtschaftliche Studien inrussischer Uebersetzung großen Einfluß auf Stolypin unddessen Agrarreform, deren Grundgedanken sich wiedermelden werden, sobald das neue Rußland ausländische Kredite unterVerteidigung der Parität seiner Währung verzinsen und für diesenZweck die Exportwirtschaft pflegen sowie Ueberschußbetriebe auf-bauen muß.