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Schulze Gaevernitz hat immer zu den Nationalökonomen gehört,die eine enge Verbindung der Wirtschaft mit derPraxis gefordert haben. Wie seine Werke sämtlich auf längerenReisen und praktischen Arbeiten beruhten, so konnte er nach ein-gehender Beschäftigung mit Fragen des Bankwesens noch kurzvor dem Kriege sein grundlegendes Werk über „Die deutscheKreditbank" vollenden, das zunächst 1915 im Grundriß derSozialökonomik und dann 1922 als Buch erschien. Schulze Gaevernitzist seit vielen Jahren Mitglied des Aufsichtsrats derSüddeutschen Diskontogesellschaft, einer der ange-sehensten deutschen Provinzbanken, die dem Mannheimer Waren-handel, dem Pfälzer Weinbau sowie der verarbeitenden IndustrieSüddeutschlands nahesteht. In der „Kreditbank" gibt er eine an-schauliche Gestaltung der Entstehung und Entwickelungdes deutschen Bankwesens. Vor allem versucht er in ihmeine scharfe begriffliche Klärung der einzelnen Bankge-schäfte durchzuführen und so ein Lehrbuch des Bankwesens zugeben. Die umwälzenden Veränderungen in unserem Wirtschafts-leben mögen uns manche seiner Ausführungen heute als überholterscheinen lassen, die Zeit ist, wie er meint, für eine Neuauflage nochnicht reif, aber die theoretischen Fundamente des Werkes werdenihren bleibenden Wert behalten, und eine Gesundung unserer Volks-wirtschaft wird uns vielleicht die Zustände im Bankwesen wieder-bringen, die Schulze Gaevernitz als Normen aufgestellt hat. Dennauch in diesem rein praktischen Dingen gewidmeten Buch, in demer, wie er selbst sagt, „erzieherisch auf den gehobenen Nachwuchsder deutschen Bankwelt einwirken" wollte, zeigt er sich als An-hänger des deutschen Idealismus. Auch hier gilt ihm Kantals der Wegweiser und „die letzte Frage unseres Bankwesens,die seiner innersten Zusammenhänge, die Frage seines Aufstiegsund seines Verfalls, ist eine Weltanschauungsfrage".
Im letzten Kriegsjahre beschäftigte sich Schulze Gaevernitz viel-fach mit den Fragen des Wiederaufbaus und veröffentlichte seineSchrift „Neubau der Weltwirtschaft" (1918). Schon damalswarnte er vor der „Gefahr des wirtschaftlichen Nationalismus nachdem Kriege". Wie er es im Reichstag ausgesprochen hatte, sowiederholte er es in diesem Buch, „daß die Meistbegünstigungs-klause! in alle Friedensverträge aufgenommen werden sollte. Deutsch-land müßte infolgedessen auf alle direkten und indirekten staat-lichen und privaten Exportprämien verzichten."
Die Stellungnahme, die er zum Problem des Marxismus einnahm,haben wir bereits des öfteren in dieser Schrift behandelt. SeineGrundauffassung finden wir in der Rektoratsrede „M arx oderKant" (1908) und in verschiedenen Aufsätzen wie „Nocheinmal Marx oder Kant" (1910), „Was fällt vonMarx? — was bleibt von Marx?" (1910) sowie in „Kantin Marx" (1923) niedergelegt. „Im deutschen Idealismus bejahtedas empirische Ich zum ersten Mal in bewußter Freiheit den über-empirischen Wert, welcher die Kulturwelt menschlichen Denkenswie Handelns trägt. Marxens innerster Kern war jene Wertver-