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neinung, in der das empirische Ich, empört über verschlisseneWertüberlieferungen, den überempirischen Wert selbst leugnet. InMarx flammte die Leidenschaft der Zerstörung." Marx erscheintihm als Monist im Gegensatz zum Dualismus Kants zwischen demSein und dem Soll, „bei Marx verschlingt das Sein den Wert: wasnicht wirklich ist, ist kein Wert. In diesem Sinne ist Marx Wert*nihilist". Marx leugnete die Idee der deutschenNation, „die von Fichte in dunklen Tagen unserm Volke alsLeitstern vorschwebte", während sie Schulze Gaevernitz voller In-brunst bejaht. In Marx' materialistischer Geschichtsauffassung siehter den „Versuch, die Geschichte zur Naturwissenschaft zu erheben".Da Marx nur die kausale Notwendigkeit feststellen will, kann ihmder Mensch auch „nichts als Natur" sein, und so wird für ihn„alles gleich wertvoll und wertlos". Schulze-Gaevernitz aber be-kennt sich zu dem „Soll des Pflichtgebots". Aus demPrimat der praktischen Vernunft fließt ihm der Glaube an dieMacht des Guten in der Welt und damit an die» „Idee des geschicht-lichen Fortschrittes in der Richtung auf den überempirischen Wert".An diese Schrift und die ihr folgenden Aufsätze schloß sich einelebhafte Polemik an, die auf sozialistischer Seite hauptsächlichvon Karl Vorländer geführt wurde. Man warf Schulze Gaever-nitz vor, daß er alles Licht auf Kant, allen Schatten auf Marxfallen lasse. Dagegen hat Schulze Gaevernitz in seiner Schrift„Was fällt von Marx — was bleibt von Marx?" denidealistischen Kern bloßgelegt, der in Marx' Mehrwert-lehre, in Marx' Fortschrittsgedanken und vor allem inder Lehre vom Z u k u n f t s s t a a t als dem „Reiche der Freien"lebendig ist. Den Gedanken vom Zukunftsstaat bezeichnet SchulzeGaevernitz als „den wertvollsten und dauerhaftesten Teil des marxi-s:hen Gebäudes".
Wenn wir versuchen wollten, Schulze Gaevernitz einer be-stimmten Richtung unter den Socialökonomen ein-zureihen, werden wir ihn den Anhängern der voraus-setzungslosen Wirtschaftswissenschaft zuzählenmüssen, zu deren Mitbegründern und Vorkämpfern er gehört. AlsSchüler Brentanos wurzelte er, wie dies auch seine Studienüber englische und russische Wirtschaftsverhältnisse beweisen, i nder historisch-ethischen Schule, die gemeinsam mit derexakt-isolierenden auf den Untersuchungen Friedrich Lists fußendin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vor-herrschte. Als Max Weber in seinem grundlegenden Aufsatzüber „Die Objektivität sozialwissenschaftlicher undsozialpolitischer Erkenntnis" im Jahre 1904 behauptete,daß „die stete Vermischung wissenschaftlicher Erörterung der Tat-sachen und wertender Raisonnements eine der zwar noch immerverbreitetsten aber auch schädlichsten Eigenarten unseres Faches"sei, und den Nationalökonomen die Worte entgegenhielt: „eineempirische Wissenschaft vermag niemandem zu lehren, was er soll,sondern was er kann — und unter Umständen, was er will",legte er damit den Grundstein für die wertfreie Sozialwissenschaft,