35
deren Förderung sich besonders das von ihm mit Sombart undJ a f f e herausgegebene Archiv für Sozialwissenschaft und Sozial-politik widmen sollte. Schulze Gaevernitz schloß sich Webers For-derungen an und arbeitete eifrig an dem Aufbau dieser neuenMethode der Wirtschaftslehre mit. So zeigt er sich auch aufmethodologischem Gebiete als Vorkämpfer desdeutschen Idealismus, hier besonders beeinflußt von denForschungen des Neu-Kantianers Heinrich Rick er t. In derLujo Brentano zum 70. Geburtstage gewidmeten Schrift „W i r t -schaf tswiss enschaft?" (1915) stellt er das Axiom der„strengsten Scheidung der rein kausal erklärendenSeinswissenschaft von der wertenden Politik" auf.Die Wirtschaftswissenschaft, so sagt er, habe „nicht zu klagen, nichtzu loben, sondern lediglich das, was ist, festzustellen und kausal zuerklären". Der Gedanke des Fortschritts muß aber der Wirtschafts-wissenschaft als Prinzip der „Auswahl des Wesentlichen" zugrundeliegen. Er sieht in ihm „ein christliches Erbstück der westeuro-päischen Welt", der „von Kant neu begründet, von Fichte undHegel zur geschichtsphilosophischen Weltanschauung des deutschenIdealismus gesteigert wurde". Trotz seiner engen Verbindung mitder historischen Schule wendet er sich gegen das geistlose „Anti-quariertum", verlangt aber auch eine strenge Scheidung der Wirt-schaftswissenschaft von der Psychologie und Soziologie. Die Wirt-schaftswissenschaft darf, so schließt er ganz im Weber-schen Geiste, „keine Wirtschaftspolitik" sein.
Ebenfalls methodologischer Natur ist sein Aufsatz über die„Privatwirtschaftslehre" in dem Sammelheft „Die pri-vate Unternehmung und ihre Betätigungsformen"(1914), in dem er, angeregt durch die grundlegenden Forschungenseines früh verstorbenen Schülers Hans Schönitz und Weyer-manns, sich mit den Fragen der Begründung einer beson-deren Privatwirtschaftslehre zur Untersuchung der Stre-bungen der Unternehmerpsyche beschäftigt und ihre Berechtigungbejaht. Denn, meint er, „die neuere Privatwirtschaftslehre bildetengere und inhaltsreichere Begriffe und steht insofern dem tatsäch-lichen Wirtschaftsleben näher als die klassische Oekonomie. IhrZiel ist es, zu einer realistischen Theorie zu gelangen."
Auf Grund seiner in Amerika angestellten Studien verfaßteer eine Schrift „Amerikas U e b e r i m p e r i a 1 i s m u s", diein der Festgabe zu Lujo Brentanos 80. Geburtstage erschienenist. Er kehrt damit wieder zu der Behandlung angelsäch-sischer Probleme zurück, die ihn zeitlebens am meisten gefesselthaben. In zwei in der Frankfurter Zeitung (Nr. 933 vom 14. undNr. 958 vom 23. Dezember 1924) erschienenen Aufsätzen über„Religion und Demokratie in Amerika" entwickelt erdie Gedanken, die seinem neuesten Werk zu Grunde liegen. „Religionund Demokratie", so sagt er, „die leicht als Gegensätze erscheinenmöchten, sind dem Ursprung wie dem Inhalt nach nah miteinanderverwandt, entspringt doch die neuzeitige Demokratie als allgemeinesMenschenrecht jener Welle religiöser Erhebung, die in England im