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Zur Wiedergeburt des Abendlandes / von Gerhard von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
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Dein Wille geschehe" und der Brüder gedenkend:Vater,vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun." Dornengekrönt be-trat er sein Reich, aber sein Kreuz umrankten blühende Rosenund umflocht liebende Frauenhand. Jeder Kreuzträger, derjene Worte aus tiefster Seele dem Herrn nachsprechen kann,macht die gleiche Erfahrung:Mein Joch ist sanft und meineLast leicht."

Summa: Im Drama der Weltgeschichte wie in demjedes einzelnen Menschenlebens dient der Dämondem Heilsplan Gottes wider Willen!

V. Der Nächste

Das Tier und das Kind scheidet die aus dem Unbewußtenauftauchende Außenwelt in Gegenstände der Lust, die es sucht,und Gegenstände der Unlust, die es flieht. An der Hand dieserScheidung erbaut es die Außenwelt. Auch der primitive Menschbehandelt den Menschen, soweit er nicht Stammes- oder Sip-pengenosse ist, zunächst als eine Sache für seine Zwecke, alsGeschlechtswesen, das er genießt, als Arbeitskraft, die er ver-sklavt, als Jagdtier, das der Kannibale verspeist oder als dasstärkere Raubtier, das er flieht, als den Eroberer, den er vomFutterplatz abwehrt. Der Instinkt bindet das Tier an dieGruppe, an die Tiergesellschaft; aber der Mensch verderbte denInstinkt und wurde damit dem naturgebundenen Gruppen-dasein untreu. Er bejaht sich mit Ausschluß der Welt.

Im andern Geschlecht erwacht dem Menschen das gleich-wertige Du als Genosse und Freund, den er bejaht, dessenZwecke er in die seinen aufnimmt. In dieser Liebe erstirbt dasengherzige Ich, der dunkle Despot, der nur sich selbst kenntund alles andere für sich begehrt. So wird Eros der Stamm-vater aller höheren Werte, denen der Mensch sich unterordnetund opfert. Eros schmilzt den Irrtum hinweg, der das ver-einzelte Ich vom Leben der Gattung, vom Volks- und Welt-ganzen trennt: Eros die Quelle, in der Natur und Kultur

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