zusammenfließen — dieselbe Urkräft, die Atome zum Bau derWelten bindet!
Nächstenliebe ist nicht eine wohlklingende und unver-bindliche Redensart, welche die Millionen umschlingt, sonderneine Praxis heute und hier, verwurzelt in dem Grundgefühl:Alles Leben ist Eines in Gott . Ich bin im Du. „Tat twamasi." (Indisch.) Alle Gedanken der Ablehnung und Lieblosig-keit, des Hasses, des Neides, der Geringschätzung, welche wiraussenden, kehren zu uns zurück und schneiden in unser eigenesFleisch. Wir sehen so leicht Böses in den Menschen hinein undwecken damit das Böse, das in ihm schläft. Wenn wir Gedankendes Friedens und der Freundschaft ihm zusenden, so werdensolche zu uns zurückströmen. Je mehr wir geben, um so mehrempfangen wir — je mehr Liebe, um so mehr Gegenliebe.Vor allem bedarf der Gottesleugner und Menschenverächter,der Verneiner und Schwarzseher unserer guten und aufbauen-den Gedanken als des schweigenden Gottesbeweises.
Der echte Jesujünger erkennt die Anlage zur Gotteseben-bildlichkeit, die Berufung zur Gotteskindschaft injedem Menschen, auch dem Armen und Verworfenen, demSünder und Feinde. Er frägt sich an jedem Morgen, wer istheute der Nächste, der meiner bedarf? Er beschließt denAbend nicht, ohne am Tage irgendeinem Menschen eineFreude — eine noch so kleine Freude — gemacht zu haben.Von dem Tage, der ohne solche Wohltat verstrich, gilt dasWort jenes frommen Kaisers Titus: „amici, diem perdidi" (ihrFreunde, ich habe einen Tag verloren).
Als Jesu Jünger sind wir kenntlich nicht durch ein Bekennt-nis, sondern durch die Liebe, die wir untereinander üben.(Joh . 13, V. 35.)
Der geliebte Mensch ist uns ein Bote Gottes und ein Führernach oben. Aus seinen Augen strahlt das innere Licht, jenerSeelenfunke, der aus der Quelle allen Lichtes stammt. In derLiebe erschließt sich die Wertfülle des Alls, da jedes Ding heiligeGlut ausstrahlt, nichts nur Mittel ist für die engen Zwecke desIch. Gott ist uns nahe in jedem Dinge, das wir selbst-
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