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G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank.
I
II. Kapitel.
Geschichtliches.
Leider hat uns die Schule der historischen Nationalökonomie keine „Geschichtedes deutschen Bankwesens im 18. und 19 Jahrhundert" hinterlassen. Selbst derbrauchbaren Monographien gibt es nicht allzuviele. Manche Versuche monogra-phischer Darstellung scheiterten an dem Geheimnis, mit dem — recht unnötigerweise— unsere Großbanken die Geschichte ihrer Kinderkrankheiten umgeben.
Die deutsche Kreditbank der Gegenwart stammt nicht ab von dem,was früher vor allem „Bank " genannt wurde — der Girobank, wie sie im Nordenihre berühmteste Ausbildung in der Hamburger Bank (seit 1610) fand. Letztereist wichtig für unser Bankwesen der Gegenwart als der Mutterboden des Reichs-bankgiro; aber gerade weil sie, der Stolz Althamburgs, nicht zur Kreditbank sichauswuchs, litt sie Schiffbruch x ).
A. Vorläufer, aber nicht Stammväter der deutschen Kreditbank waren die altenPrivatbanker, insbesondere der rheinischen Städte, welche im 18. Jahrhundert,neben dem Warenhandel und dem Speditionsgeschäft, vor allem Wechselgeschäftepflegten. Der internationale Zahlungsverkehr war damals wie im Mittelalter beider Unsicherheit und der Kostspieligkeit der Bargeldsendung auf Wechsel ange-wiesen. Ein Beispiel bietet das Breslauer Haus Eichborn 2 ), welches in Garn undLeinwand handelte, daneben Spedition und Wechselhandel betrieb; es vermitteltedie Zahlungsbeziehungen der Hirschberger Leinenverleger und des weit nach Polen hinein reichenden Breslauer Kolonialgeschäfts mit dem Amsterdamer Großhändler.
Daneben betrieben Juden — in den Reichsstädten vom Warenhandel nochabg edrängt — Geldwechsel, Geldleihe gegen Pfand und Juwelenhandel. Als Hof-juden, „Hoffaktoren" — vor allem Armeelieferanten und „begewaltigte" Geld-darleiher der Fürsten — stiegen sie in die Höhe 3 ). Ein Beispiel bilden die Berliner Schickler unter Friedrich Wilhelm I. , welche in Bordeauxwein, Vitriol und Embter-käse machten, Geldsendungen an die Werbeoffiziere des Königs im Auslande undVermögensübertragungen Salzburger Emigranten vermittelten. Den genialen Kron-prinzen haben sie heimlich mit Büchern und Rheinwein versorgt und nach demFluchtversuch von 1730 dem kronprinzlichen Konto 600 Taler abgeschrieben. Spätererwarben sie sich durch Flüssigmachung der von Napoleon erpreßten Kriegs-entschädigung große Verdienste um den preußischen Staat. Als Geldgeber derFürsten und Regierungen wurden diese Hofjuden Emissionshäuser in dem Maße,als der Staatskredit in Effektenform gegossen wurde. Es war dies imWesten seit dem 17., in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert der Fall — zu einerZeit, da der private Kriegsunternehmer verstaatlicht wurde. Hatten schon dieFugger für fürstlich-staatliche Kreditgeschäfte „fremde Gelder" herangezogen, so,geschah nunmehr die Aufbringung fremder Gelder unter ausdrücklicher Bezeichnungdes Zweckes und unter Ausschluß anderer als nur „moralischer" Haftung des Bank-hauses mittelst der „Partialobligation", die zuerst auf den Namen, sodann — denVerkehr erleichternd — auf den Inhaber gestellt wurde. Der Krieg hat nicht nurdie Börse, sondern auch die Banken als Effekten-Emittenten und -Spekulantengeschaffen 4 ). Seit dem 18. Jahrhundert war die Amsterdamer Börse der inter-nationale Effektenmarkt.
*) Ernst Levy von Halle, Die Hamburger Girobank und ihr Ausgang. Berlin 1891.
') Kurt Moriz-Eichborn, Soll und Haben des Hauses Eichborn. Breslau 1903.
8 ) Metzler, Studien zur Geschichte des deutschen Effektenbankwesens. Leipzig 1911.S. 97.
*)R. Ehrenberg , Große Vermögen, ihre Entstehung und ihre Bedeutung. Bd. 1.2. Aufl. Jena 1905. S. 81, 119 ff. W. Sombart, Krieg und Kapitalismus. Leipzig 1913.S. 25, 65 passim.