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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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I

Begriffliches und Geschichtliches.

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Was Amsterdam im Großen, das wurde Frankfurt im Kleinen dasGeldzentrum" Deutschlands : Wechsel- und Anleihemarkt. Während mehrerer Jahr-zehnte wurde der Frankfurter Anleihemarkt von den Bethmanns*) nahezu mono-polisiert. Die politischen Erschütterungen der französischen Revolution waren demZustandekommen eines regelmäßigen Börsenverkehrs gerade infolge jäher Kurs-schwankungen in dem politisch zunächst unberührten Frankfurt günstig seit1790. Sein Kurszettel wies 1800 schon gegen 20 Staatspapiere auf, der Berlinernoch kein einziges 2 ). Dieses Frankfurt war nicht zufällig das Frankfurt des jungenGoethe, der Mutterboden jenes Wilhelm Meister , der in adligen Kreisen den Kopfhoch trägt und durch Rückkehr zum bürgerlichen Beruf über die geistreiche Ge-sellschaft im Grafenschloß emporreift.

Als Frankfurter und Hof juden, als Wechselhändler und später Effektenemittententraten die Rothschilds unter den deutschen Bankers an die erste Stelle 3 ).Der Ursprung des Rothschildschen Hauses wurzelt bekanntlich in den Soldaten-lieferungen des hessischen Kurfürsten an England , indem Meyer Amschel Roth-schild seit 1775 jene Wechsel auf England diskontierte, durch die der löbliche Landes-vater sich bezahlt machte. Sodann hat Rothschild Darlehen des durch Menschen-handel reich gewordenen Fürsten an andere deutsche Dynasten vermittelt, endlichdas Vermögen des flüchtig gewordenen Gönners seit 1806 verwaltet. Daranreihte sich die Vermittlung der englischen Subsidien in Silber oder Tratten auf London an die Festlandsstaaten, die Uebersendung großer Goldbeträge (zum Teil sogarentnommen aus der französischen Zirkulation!) an Wellington. Diese höchst ris-kierten, z. T. lebensgefährlichen Geschäfte bildeten die finanzielle Grundlage derFreiheitskriege. Nach dem Kriege haben die Rothschilds den reicheren britischenGeldmarkt mit dem geldbedürftigen Kontinent in Verbindung gesetzt und besaßenbis über die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Monopol für die Anleihen der meisteneuropäischen Staaten, besonders Oesterreichs . Die österreichischenmetalliques"wurden das leitende Spekulationspapier der Zeit, ihr Kurs das Barometer der Börsen-stimmung. Diesen Kurs beherrschten die Rothschilds, denen die vier damaligenWeltbörsen London, Paris, Frankfurt, Wien unterstanden. Kam Rothschild einmal wider Erwarten nicht an die Frankfurter Börse, so stieg der Diskont undsanken die Staatsanleihen. Als Diskonteure besaßen die Rothschilds eine Monopol-stellung, durch welche sie nicht nur über zahlreiche Provinzbanker, sondern auchüber ganze deutsche Landesteile Macht ausübten 4 ). Ihre Stellung wurde dadurchgestärkt, daß die Aktienbank damals noch verboten war. Lawinenmäßig, mit derWucht einer Naturgewalt, schien unsern Altvordern Rothschilds Vermögen anzu-schwellen.

In den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts stand das staatlicheAnleihegeschäft im Bankgewerbe voran: der Berliner Kurszettel enthielt 18131, 1830 dagegen 26 ausländische Stäatspapiere. Damit wurden die deutschen Bankersaus Wechselhändlern zu Vermittlern von Effekten Spekulation und nichtzuletzt zu Effekten-Eigenspekulanten. Schon in den zwanziger Jahren wurde überSpekulation in ausländischen Werten bitter geklagt 5 ). Auch hier schöpften in eineran Nachrichten und Verkehr armen Zeit die internationalen Rothschilds den Rahmab; man gedenke der berühmten Spekulation in englischer Rente unmittelbar nachder Schlacht von Waterloo, deren Ausgang in London noch unbekannt war. Bei

*) Vgl. Pallmann, Gedenkbuch der Familie Bethmann (Privatdruck).

2 ) Wormser, Die Frankfurter Börse. (Freiburger Seminararbeit und Dissertation.)Frankfurt a. M. 1915.

s ) Ehrenberg a. a. O. S. 42ff.

4 ) Arthur Löwenstein, Geschichte des Württembergischen Kreditbankwesensund seiner Beziehungen zu Handel und Industrie. 5. Ergänzungsheft zum Arch. für Sozialw.und Sozialpolitik. Tübingen , Mohr, 1912. S. 36.

s ) Mörstadts Nationalökonom I. 1. S. 55ff.