32 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. I
nung, auf nichtpreußischem Boden ein Notenprivileg zu erlangen. Diese Hoffnungwurde nur mittelbar verwirklicht.
Nicht in gleicher Linie zu nennen ist die 1851 von Hansemann gegründeteDiskontogesellschaft 1 ), welche zunächst als eine gemeinnützige An-stalt für den gewerblichen Mittelstand — Yorläuferin von Schulze-Delitzsch !
— ihren Mitgliedern bis zur Höhe der nicht voll eingezahlten Geschäftsanteile Wechsel-kredit gewährte. „Dieser Verein hat den Vorteil, daß er auch dem geringsten Ge-werbetreibenden eine Stütze gewährt" — erklärte Harkort in der preußischenKammer am 8. Mai 1852. Als dann durch Statutenänderung 1856 das „allgemeineBankgeschäft" in den Vordergrund gestellt wurde — unter Schaffung von voll-eingezahlten Kommanditanteilen — so erwies sich das östliche Preußen für eineindustrielle Gründungsära noch nicht reif. Das Emissiönsgeschäft der Diskonto-gesellschaft betraf überwiegend Staatsanleihen, inländische wie ausländische, zumTeil in- Durchbrechung des Rothschildschen Monopols, und Eisenbahnpapiere.In den umfangreichen Akten einer preußischen Kommission „zur Untersuchungdes Systems der Geld- und Kreditinstitute des Landes" 1851 taucht der Gedankeeiner Gründungsbank nicht auf; Heilung der Kreditlosigkeit des kleinen Mannesdurch Ausdehnung des Notenprivilegs auf Privatbanken, Kreditvereine und Spar-kassen ist der leitende Gesichtspunkt dieser Untersuchung. Noch lag der Schwer-punkt des deutschen Wirtschaftslebens durchaus im Westen, noch war die Frank-furter Börse der Berliner weit überlegen, noch war Köln der „Mittelpunkt derAktienschöpfung".
Es ist festzustellen: Die typischen Vertreter dieser ersten Bankengründungentstammen der „christlichen" Intelligenz, zum Teil mit pietistisch-preußischem Ein-schlag. Hansemann — Sohn eines Geistlichen, Milde (Handelsminister 1848und geistiger Vater des schlesischen Bankvereins) — Enkel eines friderizianischenUnteroffiziers. M e v i s s e n, der leitende Kopf des Westens, war Kantianer und vonHegel berührt. Er wurzelte tief in der klassischen Kultur Deutschlands . Als Aufgabedes Bankwesens erschien ihm, „das Vernünftige in dieTat umzusetzen". Er erklärtedie Aktiengesellschaft für die „moderne Industriegenossenschaft" — eine bürger-liche Vergesellschaftung, durch welche „der objektive Geist" von der Familie zumStaate aufsteigt. An der Wiege dieser Gründungen stand der kategorische^ Im-perativ, der empfiehlt, „in Zweifelsfällen auf die Stimme des Gewissens zuachten" — jene „Korrektheit", welche das deutsche Bankwesen trotz aller Irr-gänge vor katastrophalen Erschütterungen bewahrte. Von vornherein übertrafes sein viel gepriesenes Vorbild, den Credit mobilier zu Paris , durch gemäßigtereDividendenpolitik, durch rechtzeitige Erhöhung des Aktienkapitals und Anfängeder Reservenbildung.
An den Verhältnissen von heute gemessen, trug dieses Bankwesen freilich alleUnvollkommenheiten erster tastender Versuche an sich. Nach Ad. Wagnerund Roscher beruhten die hohen Bankdividenden der fünfziger Jahre zumguten Teil auf der Unerfahrenheit und dem Leichtsinne des Publikums. Die Bankenwaren überwiegend reine Emissionsbanken, oft mit Effektenbesitz überladen. Sieblieben nicht selten auf den eigenen Gründungen sitzen und trieben daneben Effekten-spekulation („Schwänze" der Darmstädter Bank in eigenen Aktien 1857). Sie trugenalso nur halb einen bankmäßigen Charakter. Neben dem Bankgeschäft wurde auchdas Warengeschäft gepflegt, unmittelbare Industriebeteiligungen kamen ebenfallsvor 2 ). So kaufte der Schlesische Bankverein, eine der ältesten Prövinzbanken,(1856 gegr.) das Rittergut Kuhnern, welches dadurch bekannt ist, daß auf ihm die
1 ) Alex. Bergengrün, David Hansemann. Berlin , Guttentag, 1901. S. 667 ff.
— Die Direktion der Diskonto-Gesellschaft in Berlin. Jubiläumsschrift. 1902. Vgl. auch D.Hansemann, Das Wesen der Diskonto-Gesellschaft in Berlin und ihre Benutzung. Berlin ,F. Schneider & Co. 1852.
2 ) Schiesischer Bankverein. Jubiläumsschrift 1906.