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Begriffliches und Geschichtliches.
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erste Rübenzuckerfabrik Europas stand '). Die Banken wirtschafteten überwiegendmit eigenem Kapital, ja sie haben das Depositengeschäft teilweise noch bewußtabgelehnt, so z. B. der Schaaffhausensche Bankverein. Genötigt, aus dem Eigen-kapital hohe Dividenden herauszuwirtschaften, mußten sie gewagte Effektenge-schäfte machen, teils auf eigene Rechnung, teils für ein unerfahrenes und spekulations-lüsternes Publikum. Mit der Krisis 1857 stand die Darmstädter Bank vor ihremRuin 2 ). Die sechziger Jahre waren dann eine Zeit der Sammlung. Aber trotz desbankwidrigen Charakters vieler ihrer Geschäfte legten diese ersten deutschen Kredit-banken in den fünfziger Jahren die Grundsteine des künftigen deutschen Industrie-staates. Ihre Mängel waren in der Armut des deutschen Sparers und in der Uner-fahrenheit der deutschen Geschäftswelt begründet, welche beide Lehrgeld bezahlenmußten. Weitsichtig verteidigte Schäffle im Gegensatz zu der Mehrzahl derNationalökonomen jener Tage schon 1856 das Dasein besonderer „Unternehmungs-banken", welche unentbehrlich seien, um die Großindustrie durch Aktienform zufördern 3 ). Nunmehr setzte sich auch die Einsicht der Unvereinbarkeit des Notenge-schäfts mit dem Emissionsgeschäft allmählich durch. So sagte eine sachkundigeStimme: „Ein Direktor einer Zettelbank und ein Direktor einer Kreditbank müs-sen aus der Natur der Sache zwei ganz verschiedene Naturen besitzen; die eineNatur ist vermittelnd, zurückhaltend, die andere schöpferisch und eingreifend. DasZettelbankgeschäft ist seinem innersten Wesen nach reines Vorschußgeschäft aufWerte, welche seinem Einflüsse ganz fern liegen müssen, während das Kreditbank-geschäft gerade die Aufgabe hat, immer neue Werte zu kreieren und diesen einenimmer größeren Markt zu schaffen" 4 ).
Das Geschäft des Privatbankers wurde durch die aufkommenden Kreditbankenzunächst eher gefördert als geschädigt, indem die Privatbanker vielfach zur Eigen-spekulation übergingen und die Banken zahlreiche Spekulationsobjekte (Aktien,Noten) schufen. Aber indem die Privatbanker das Kontokorrent- und Wechsel-geschäft vernachlässigten, bereiteten sie den Großbanken den Weg. So ist Frank-furt unter „nachlassender Aktivität" verrentnert. Die Frankfurter Privatbankersind als Vertreter der berufsmäßigen Effektenspekulation mit letzterer zusammen-geschrumpft.
C. Einen gewaltigen Aufstieg des deutschen Bankwesens brachte dieGründerzeit und mehr noch der Krach der siebziger Jahre. Noch ist die Ge-schichte dieser Zeit unter dem Gesichtswinkel der allgemeinen Krisentheorie un-geschrieben. Der Aufschwung trug zunächst den allgemeinen Charakter der Ueber-kapitalisation, in welcher die Erzeugung von Produktionsmitteln in den Vorder-grund tritt 5 ). In die Höhe gepeitscht wurde jedoch dieser Auf schwung durch infla-tionistische Einflüsse von Seiten des Geldes und wurzelte in der jähen Vermehrungder Umlaufsmittel durch die Münzreform unter verspäteter Einziehung des älterenPapiergeldes 6 ). Mitgewirkt hat die vorübergehend stark gesteigerte Nachfrage:die Wiederherstellung der Kriegsvorräte, Festungsbau, staatlicher wie privater
x ) Achard 1802. S c h e i b 1 e r, Aktenstücke zur Geschichte der Rübenzuckerfabrikationin Deutschland. Berlin 1875.
2 ) Otto Michaelis, Volkswirtschaft!. Schriften. Berlin , Harbig, 1873. Bd. I. S. 235 ff.(Die Handelskrisis von 1857).
s ) Deutsche Vierteljahrsschrift 1856. Stuttgart und Augsburg, Cotta. 4. Heft. A. Schäff-le , Das heutige Aktienwesen im Zusammenhang mit der neueren Entwicklung der Volkswirt-schaft. S. 259 ff.
4 ) Ueber die Gefahren der Erweiterung einer Zettelbank zu einer Kreditanstalt durchAnnahme verzinslicher Gelder mit Rücksicht auf die in Baden zu gründende Notenbank.Heidelberg , J. C. B. Mohr, 1869. S. 71/72.
5 ) Im Sinne von Tugan-Ba.ranowskis Theorie und Geschichte der Handels-krisen in England . Jena 1901.
®) Hierauf weist hin W. Lötz, Geschichte und Kritik des deutschen Bankgesetzesv. 14. März 1875. Leipzig 1888. S. 16 1.
v. S c hui 7. e - Gaerer n i t z , Kreditbank. 3