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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Begriffliches und Geschichtliches.

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Die bedeutendste unter ihnen war die in ihren Anfängen vielfach als schwindelhaftbeurteilteDeutsche B a n k"; sie verhielt sich, unter der zielbewußten Leitungeines Georg v. Siemens, dem Emissionswesen gegenüber reserviert undpflegte das reguläre und überseeische Geschäft. Daneben erstand die Reichsbank,einst alsBambergersche Gründung" gescholten. Auch blieb als dauernder Ge-winn die durch den Krieg verbesserte internationale Kreditorenstellung Deutsch-lands 1 ). Vor allem strömten österreichische Werte aus Frankreich nach Deutsch-land. Bergwerksunternehmungen am Rhein gingen aus französischem in deutschen Besitz über; '/ & der Kriegsentschädigung zahlten die Franzosen durch Veräußerungfremder Werte. Darüber hinaus legten jene Tage den Grund zu der internationalenGläubigerstellung Deutschlands, für welche die rumänischen Geschäfte Strousbergseinen mächtigen Anstoß gaben. Im Zusammenhang damit erhob sich die BerlinerBörse zu einem internationalen Markt, welcher durch Billigkeit seiner Sätzeund die technische Vollkommenheit seiner Geschäftsformen auch ausländischeAuftraggeber anzuziehen vermochte.

Der nunmehr folgende Krach wurzelte ursächlich in der vorangegangenenHochkonjunktur; er war unvermeidlich, als die neuen Fabriken gebaut waren unddie Nachfrage nach Produktionsmitteln sich verlangsamte. Hierzu kam ein Druckauf die Preise von seiten des Geldes: Einziehung des älteren Papiergeldes, Gold-abfluß ins Ausland infolge stark gesteigerter Wareneinfuhr. Dem jähen Wellenbergefolgte ein ebenso jähes Wellental: 1869 betrugen die Umsätze des Berliner Kassen-vereins 6,8; 1872: 27,1; 1876: 9,5 Milliarden Mk.; 1868 zahlte die Diskontogesellschaft9%; 1872 27%; 1876: 4% Dividende. Der Durchschnittslohn eines westfälischenHäuers belief sich 1869 auf 2,60; 1873 auf 5; 1879 auf 2,50 Mk. Bei nicht wenigender Gründungen waren die Kurse der Aktien niedrer als zwei Jahre vorher die Divi-denden. Eine gewisse Stütze bot in jenen Tagen der Frankfurter Platz, welchervon Berlin und Wien her Effektenmaterial aufnahm, um dann schrittweise in dieRolle einer Provinzbörse zurückzusinken *).

Auf den Trümmern des Krachs erhoben sich die großen und gefestigten Kredit-banken, wie die Diskontogesellschaft, die Darmstädter Bank, die Berliner Handels-gesellschaft. Sie hatten im Gründungstaumel zwar auch keine ganz einwandfreie Rollegespielt. Immerhin waren sie in der Lage gewesen, in ihren Emissionen Auswahlzu treffen und auf ihren Emissionskredit eine gewisse Rücksicht zu nehmen. IhreTeilnahme an der Gesamtemission der Hochkonjunktur trat quantitativ zurück,stand qualitativ voran. Nunmehr beerbten sie die Gründer und Gründerbanken,so die Diskontogesellschaft einen Strausberg. Damals zum erstenmal vollzog sichin der deutschen Bankwelt eine Konzentration großen Stiles durch Fusion. Die auf-nehmende Bank gab neue Aktien aus, welche sie gegen einen höheren Nominalbetragvon Aktien der zu übernehmenden Bank umtauschte. Der bei diesem Aktienum-tausch erzielte Buchgewinn diente der Abschreibung von Verlusten. Mehr als dieHälfte aller 1872 bestehenden Banken erlag dem Unwetter. Zu Beginn 1870bestanden 31 Banken mit 375,6 Millionen Mk. Kapital, zu Ende 1872: 139 Bankenmit 1112 Mill. Mk. Kapital; davon liquidierten in den folgenden Jahren 73 Bankenmit 432 Mill. Mk. Kapital. Ein Hauptliquidator war dieDeutsche Unionsbank",welche dann ihrerseits 1875 von der Deutschen Bank liquidiert wurde. Von säch-sischen und thüringischen Liquidationen datiert der Aufschwung der DresdnerBank, welche als schwankendes Gebilde der Gründerzeit 1873 ihr Kapital vor.8 auf 3y 2 Millionen Taler reduziert hatte. Unter der temperamentvollen LeitungGutmanns hat sie in rücksichtslosem Konkurrenzkampf ihren Mitbewerbern durchbilligere Konditionen, niedrige Spekulationseinschüsse das Feld streitig gemacht.Seit der Krisis von 1873 begann der Kreis der Berliner Groß-

9 Ad. Wagner, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege desDeutschen Reichs, herausgeg. v. Fr. v. Holtzendorff. 3. Jahrg. Leipzig 1874. S. 235.

2 ) FrankfurterAktionär". Jahrgang 1873. S. 436.

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