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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
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36 G. v. S c h ü 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. 1

b a n k e n die Führung des deutschen Bankwesens anzutreten, wie denn die größtenProvinzbanken Darmstadt, Dresden , Schaafhausen nunmehr ihre Filialenund bald auch ihren Schwerpunkt nach Berlin verlegten.

Durchaus ablehnend verhielt sich unter dem Eindruck des Krachs diewissenschaftliche Nationalökonomie zu diesen Neubildungendes deutschen Bankwesens, das Knies derAbenteuerlichkeit", Schäffle derAllerlei-Entreprise", Roscher desentschiedensten Mammondienstes" be-zichtigte. Der angesehenste Bechtslehrer jener Tage, I h e r i n g , bezeichnetedie Aktiengesellschaft alsdie unheilvollste Einrichtung unseres ganzen Rechts,die ärgere Verwüstungen angerichtet habe, als wenn Feuers- und Wassersnot, Kriegund Erdbeben sich verschworen hätten, den Volkswohlstand zu ruinieren". DieseMänner konnten nicht ahnen, um welchen Neubau es sich handelte, der dieKräfte des Einzelunternehmers weit überstieg; sie maßen noch nicht mit angel-sächsischem Maßstab.Deutschland-der Großbritannien übergipfelnde Industrie-staat" dieses Wort wäre einer Zeit als Vermessenheit erschienen, welche die Auf-hebung der deutschen Eisenzölle damit begründete, daß Deutschland nie in derLage sein würde, seinen Eisenbedarf selbst zu befriedigen. Immerhin blieben dieStimmen jener Kritiker nicht ohne Nutzen.

D. Die Periode von 187890. Die achtziger Jahre waren für das deut-sche Bankwesen eine Zeit derBefestigung und Sammlung, gefördertdurch die Aktiennovelle von 1883. Der Verein für Sozialpolitik hatte bereits aufseiner Generalversammlung 1873 die Oeffentlichkeit der Gründungsvorgänge und dieVerantwortlichkeit der Gründer für falsche Angaben gefordert x ). Diese Gedankenwurden nunmehr durch den Gesetzgeber in sachgemäßer Weise verwirklicht. Dazukam die Beseitigung der Kleinaktie, die Einführung der 1000 Mk.-Aktie, der Zwangzur Volleinzahlung der Inhaberaktie, der obligatorische Reservefond und die Bilanz-öffentlichkeit 2 ) alles Bestimmungen, die zur Gesundung unseres Bankwesensebenso beitrugen, wie die Pflege des Depositen- und Kontokorrentgeschäfts in dernun gründungsarmen Zeit.

Dazu trat der politische Umschwung: Bismarcks sog.nationale" Wirt-schaftspolitik, d. h. das Bündnis zwischen ostelbischem Rittergut und rheinisch-westfälischem Hochofen. Verblieb die politische Führung bei ersterem, so rückteder wirtschaftliche Schwerpunkt in die Montanindustrie des Westens. In BismarcksWirtschaftspolitik wurzelt mit den Kartellen der Schwerindustrie zugleich die In-dustrialisierung unseres heutigen Bankwesens. Bismarck der größte Junkerund doch zugleich der große Neomerkantilist, einem Colbert ebenbürtig, auch fürunsere Bankenentwicklung der Geburtshelfer einer neuen Zeit.

Auf die Stagnation der ersten achtziger Jahre mit niederem Zins und Kon-version der Staatsanleihen setzte gegen Ausgang des Jahrzehnts eine neue Emis-sionstätigkeit ein. Ueberwiegend betraf sie ausländische Staatsanleihen der la-teinischen Welt Europas und Südamerikas - zum Teil mit sehr fragwürdigemErfolg. Noch spielten die deutschen Großbanken die Rolle vonLückenbüßern",die das nehmen mußten, was England und Frankreich liegen ließen. Trotz derkolonialen Erwerbungen Bismarcks und des Flottenbaus Wilhelms II. gingWelt-politik" noch weit über unsere wirtschaftliche Kraft. Nicht Bankdire.ktoren, sondernIntellektuelle Kolonialschwärmer und Flottenprofessoren waren es, welchedie deutschen Blicke in übereuropäische Weiten lenkten. Dagegen legte der seitden Caprivischen Handelsverträgen mächtig aufblühende deutsche Industrie-staat den Grund zum wirkungsvollen heimischen Emissionsgeschäft.

*) Vgl. Uber die Mängel des damaligen Aktienrechts die sachkundigen Ausführungenvon Karl Roscher. Bericht der Handels- und Gewerbekammer von Zittau 187175.S. 17 ff.

2 ) Vgl. auch C. G a r e i s, Die Börse und die Gründungen, nebst Vorschlägen zurReform des Börsenrechts und der Aktiengesetzgebung. Berlin 1874. S. 44 ff.