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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
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I

Begriffliches und Geschichtliches.

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Die neunziger Jahre brachten eine weitere Stärkung der Großbanken, zunächstdurch den Zusammenbruch mehrerer spekulierenden Privatbanker (1890) und durchden fluchtartigen Uebergang von Depositen zu den Aktienbanken, die nunmehrauch im Effektenkommissionsgeschäft die Führung ergriffen. Vor allem aber wurdendie Großbanken, sehr wider Willen des kapitalgegnerischen Gesetzgebers, durchdas Börsengesetz von 1896 mächtig gefördert. Das Verbot des Termin-handels trieb die Effektenspekulanten auf den Kassamarkt, welcher viel größereKapitalien erfordert als der Terminmarkt. Der Terminspekulant ist stets in derLage, das geschlossene Geschäft für denselben Termin durch das entgegengesetzteGeschäft zu realisieren; er riskiert nur die Kursdifferenz. Er ist verhältnismäßigunabhängig. Dieselbe Ware läuft am Liquidationstage durch zahlreiche Hände,daher werden riesige Umsätze mit verhältnismäßig geringem Kapital bewältigt.Anders das Kassageschäft, welches durch das Börsengesetz zur Herrschaft gebrachtwurde. Kleinere Umsätze erfordern hier viel größere Kapitalien. Die einflußreichenKreditgeber also die Großbanken wurden damit zu Geldgebern der Effekten-spekulation privilegiert. Die Börse geriet auf diese Weise in das Schlepptau derBankwelt. Hierzu kam bei den nun durchaus vorherrschendenUmgründungen"das neueingeführte Sperrjahr. Nach Art. 41 des Börsengesetzes darf die Zulassungvon Aktien eines zur Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmens zur Börse erstein Jahr nach Eintragung der Gesellschaft in das Handelsregister erfolgen. Abernur starke Emittenten können Effekten einlagern.

Gegen Ausgang der neunziger Jahre setzte eine neueGründungsära ein, welche den neudeutschen Industriestaat endgültig fest-stellte. Von 1890 bis 1901 hat sich das Aktienkapital aller deutschen Banken (mitAusschluß der Notenbanken) von 1537 auf 2792 Millionen Mk. vermehrt!). DerHauptanstoß kam vom Emissionsgeschäft. Die deutsche Volkswirtschaft hatte langegenug gefastet, jetzt gab es einen neuenFutterplatz". Freilich waren die Emis-sionen jener Tage bescheiden gegenüber der ersten Gründerzeit. 18701873 wurden875 A.-G. mit 3,3 Milliarden Mk. Anlagekapital gegründet, 18961900 dagegen1208 A.-G. mit nur 1,7 Milliarden Anlagekapital. Aber nunmehr setzte sich dieindustrielle Ausweitung Deutschlands , allerdings unter Rückschlägen, ohne tiefereund dauernde Depression in das zwanzigste Jahrhundert hinein fort, dessen Schwelleunsere Großbanken als die Bannerträger der deutschen Volkswirtschaft über-schritten. Ueber den kleindeutschen Industriestaat, über das uns angelehnte Mittel-und Osteuropa hinaus trugen die Banken die Fahne der Weltpolitik in alleZonen voran die Deutsche Bank und die Diskontogesellschaft. Trotz allerStraucheltritte ein Siegeszug sondergleichen in der Weltgeschichte. In wenigenJahren: welche Umwälzung des deutschen Denkens, Wollens und Könnens!Obgleich sich der industrielle Schwerpunkt im Westen befestigte, wurde Berlin ,das zur Zeit der Reichsgründung noch ganz peripherisch gelegen war, als der Sitzder Großbanken nun erst zur wirtschaftlichen Hauptstadt Deutschlands und zueinem großen Weltzentrum. Aber dieser wirtschaftliche Sieg löste politische Ge-fahren aus, um welche sich die leitenden Köpfe der Bankwelt wenig kümmerten.Wirtschaftliche Spezialisten überließen sie solche Sorgen dem politischen Spe-zialistentum, das sich in Bismarck glänzend bewährt hatte.

0 Die Entwicklung der deutschen Aktienbanken 18901901. Deutscher Oekonomist.Berlin 1903. S. 19 ff.