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G. v. S c h u 1 z e-G a e ve r n i t z, Die deutsche Kreditbank.
II
genaue Zergliederung seiner Bilanz; sie fordere Rechenschaft über Verwendungder erteilten Kredite. Geheimniskrämerei bedeutet meist geschäftliche Rück-ständigkeit. Die Abneigung unserer Geschäftswelt gegen Büehervorlage beruhtauf kleinbürgerlichem Vorurteil und ist erfreulicherweise im Schwinden begriffen.Der Vorschlag einer Kreditzentrale etwa bei der Reichsbank, welche über die Höheder Kredite und die Zahl der Bankverbindungen, nicht über die Namen der Kredit-geber, diskrete Auskunft erteilen soll, begegnet schweren Bedenken J ). Viel eherkönnten sich die Banken durch örtliche Vereinbarungen helfen, wonach Kreditenur unter der Bedingung der Büchervorlage gewährt würden. Solche Bestrebungenscheitern vielfach an jener „Kundenfängerei",, welche unsere Banken manchmalveranlaßt, „erwünschten" (d. h. oft auch spekulativen) Verbindungen den Kreditgeradezu aufzudrängen. Weiterhin halte die Bankleitung persönlicheFühlung mit der örtlichen Geschäftswelt —• die sicherste Art, sich vor Ueber-raschungen zu schützen. Bankdirektoren sollten die Börse, wo solche besteht, be-suchen; die hierfür verwandte Zeit ist nicht verloren. Alle „Kreditreform", vonder so viel die Rede und so wenig Tatsache ist, hätte mit verbesserter und verbreiterterBuchhaltungs- und Bilanzierungsgewohnheit zu beginnen. Möglicherweise könntehier die Gesetzgebung mit erweiterten Bilanzierungsvorschriften zu Hilfe kommen— auch über den Kreis der Aktiengesellschaft hinaus.
4. Um die Borgwirtschaft zu bekämpfen, erziehe die Bank die kleineren undmittleren Kunden zur bankmäßigen Zahlung und verachte nicht den Kleinscheckund Kleinwechsel. Es ist ein privatwirtschaftliches Interesse der Banken, daß derPrivate sich daran gewöhne, durch Kleinwechsel bezogen zu werden, wie dies inFrankreich der Fall ist. 1909 wurden von der Bank von Frankreich 7,5 MillionenStück Wechsel unter 100 Frs. diskontiert, dagegen von der deutschen Reichsbanknur 700 000 Stück unter 100 Mk.
5. Der Bank empfiehlt sich auch vom rein privatwirtschaftlichen Standpunktaus eine gewisse Konjunkturpolitik. Sie halte hemmend zurück inZeiten ungesunden Hochganges, den der erfahrene Banker an folgenden Anzeichenerkennt: Sprunghafte Vergrößerung des Kreditbedürfnisses, zahlreiche Wechsel-prolongationen, Verwendung des Bankkredites für dauernde Anlagen oder gar Divi-dendenzahlung, Heraufschnellen der Warenpreise. Wenn die Bank in glänzendenGeschäftsjahren den Schuldnern nachlief, dann darf sie den Fehler nicht dadurchgut machen, daß sie in schlechten Zeiten von ihren Geschäftsfreunden überhauptnichts mehr wissen will und selbst an guten Diskonten „mäkelt". Da alles Bankwesenauf Vertrauen beruht, so liegt es im privatwirtschaftlichen Interesse der Bank, daßdie Geschäftswelt gegen gute Sicherheiten stets Geld zu erhalten in der Lageist. Mit dem Zusammenbruch von Debitoren — vielleicht verursacht durch rigo-rose Kreditbeschränkung seitens der Bank — wächst in solchen Tagen die Gefahrdes Sturms (Run) auf die Bank selbst. Viel eher halte die Bank auf Verminderungder Kredite in Zeiten de? Hochgewinns und erziehe die Kunden zur Schuldentilgung,wie dies viele Kreditgenossenschaften in vorbildlicher Weise tun. Die Banken habenkein Interesse an der bedingungslosen Geschäftsausdehnung, wohl aber an der Festi-gung ihrer Debitoren.
6. Gegen die neuerdings viel erwogene Kreditversicherung sprechenerhebliche privatwirtschaftliche Bedenken. Die zu versichernde Gefahr ist statistischnicht zu erfassen. Zwar könnte dieses Bedenken gemildert werden durch Rück-versicherung und durch nur teilweise Versicherung des gewährten Kredites (etwazu 30—60%). Aber es bleibt das weitere Bedenken bestehen, daß mehr schlechteals gute Schuldner versichert werden, daß man in Zeiten schlechter Konjunkturenmehr versichert als in guten, und daß die Schuldner ihre Bücher „verbessern", umin niedere Gefahrenklassen zu kommen. Kreditnehmer wie Kreditgeber haben ein
Bankarchiv X. Jahrg. Nr. 12. F. Somary, Die Schaffung einer Kreditzentrale.