II
Bankgeschäfte.
55
gemeinsames Interesse gegen die Versicherungsgesellschaft 1 ). Gegen große undallgemeine Krisen ist überhaupt nicht zu versichern.
b) Volkswirtschaftliches. Indem mit verbesserter Buchhaltung und vermehrterBilanzöffentlichkeit die sachlichen Unterlagen des Kredits an Bedeutung gewinnen,ohne jedoch die höchst persönlichen Unterlagen je ganz auszuschalten, zeigt sich eineTendenz der Nivellierung der Kreditwürdigkeiten, welche der unpersönlichen, schema-tisch arbeitenden Großbank entgegenkommt. Daneben hergeht eine schärfere Differen-zierung des Kredits nach Fristigkeiten. Die Technik des kurzfristigen Bankkreditssondert sich von den Formen der langfristigen Kreditbeschaffung, von welcher untenbeim „irregulären" Bankgeschäft die Rede sein wird. Der kurzfristigeBankkredit dient der Beschaffung von Betriebsmitteln(umlaufendem Kapital) für die Geschäftswelt. Diejenigen Gebieteder Volkswirtschaft werden daher von ihm in erster Linie bewässert, auf denen dasumlaufende Kapital dem Anlagekapital überlegen ist.
Voran steht sonach der Handel mit seinem schnellen Umschlag. Aberauch die Industrie benötigt in erheblichem Maße kurzfristigen Kredit, z. B.für Löhne, Rohstoffe, Kohlen u. dgl. 2 ), welchem Bankdepositen dienstbar gemachtwerden können. Entsprechend dem jugendlichen Expansionstriebe der deutschenVolkswirtschaft ist gerade auf industriellem Gebiete die bankmäßige Kreditgewährungso reichlich gewesen, daß sie vielfach zur Kreditanspannung, ja Ueberspannunggeführt hat. Der englische Industriestaat ruht weniger auf Kredit als der deutsche,mehr auf Eigenkapital. Vor allem steht vielen deutschen AktiengesellschaftenBankkredit in solchem Maße zur Verfügung, daß der Betriebsumfang nicht seltenüber die Grenzen des volkswirtschaftlichen Bedürfnisses hinaus erweitert wurde.Erst die im Geschäfte sich aufsammelnden Reserven dienen zur Heimzahlung derBankschuld — diese Tatsache spricht übrigens auch gegen die vielfach verlangtezwangsweise Anlage der Reserven in Staatsanleihen. Das landwirtschaft-liche Betriebs kapital weist zwar längere Umschlagsperioden auf als dasder Industrie, aber der längere Umschlag wird durch Vielfältigkeit des Betriebesgemildert. Mit dem Uebergang zu intensiveren Feldsystemen werden die Umschlags-zeiten verkürzt, so vor allem beim Uebergang von der Fruchtwechselwirtschaftmit ihrer vieljährigen Umschlagszeit zur „freien" Wirtschaft. Letztere nähert sich demindustriellen Betriebe: das Land wird zur „Retorte", in die man bei der Bestellungan Chemikalien hineinsteckt, was man bei der Ernte in gewollter Umformung heraus-holt. Mit dem technischen und ko mm erziellen Fortschritt wird auch der größereund mittlere Landwirt ein regelmäßiger Kreditnehmer der Kreditbank. Der Be-triebskredit des kleineren Landwirts dagegen, ebenso wie der des Kleingewerblers,weist Eigentümlichkeiten auf, die ihn an die Kreditgenossenschaften weisen. UnsereKreditbanken dienen ihm mittelbar durch Diskontierung von Genossenschaftsak-zepten, durch Kontokorreritverhältnis mit Genossenschaften, endlich auch alsgenossenschaftliche Geldausgleichsstellen (Dresdner Bank). 14% der Wechselim Portefeuille der Reichsbank — wie viel in dem unserer Kreditbanken ? — ent-stammen landwirtschaftlichen Kreisen. Es wild zu Unrecht behauptet, daß unserKreditsystem die Landwirtschaft vernachlässige. Es dient dem Betriebskreditin einer den beiderseitigen Bedürfnissen angepaßten Form. Dem Besitz kreditdes größeren Landwirts dienen unsere Kreditbanken mittelbar durch Gründungvon Hypothekenbanken und den Vertrieb von Pfandbriefen aller Art — vielleicht
*) Heurich, Die Stuttgarter Kreditversicherung. Stuttgart 1911. Lieb ig, Bei-träge und Vorschläge zum Problem der Kreditversicherung. Berlin 1905. Schimmel-pfennig, Das Problem der Kreditversicherung. Berlin 1887. Herzfelder, DasProblem der Kreditversicherung. Leipzig 1904. M o 11, Die Kreditversicherung. (Zeitschr.f. die ges. Versich.-Wissenschaft. Bd. V.).
2 ) F. Hecht, Die Mannheimer Banken 1870—1900. Leipzig 1902. S. 41 ff. Fernerder Abschnitt über industriellen Bankkredit, Geldmarkt, Kreditbanken in den Schriftendes Ver. f. Sozialpol. Bd. 110. S. 321 ff. Leipzig 1903.