148 G. v. S c h u 1 z e-G a e v e r n i t z, Die deutscheKreditbank. III
kürlich so viel an offenem Gewinn aufgewiesen, als zur Erhaltung der beabsichtigtenDividende erforderlich ist. Die Dividende nimmt einen zinsähnlichen Charakteran, was dem wirtschaftlichen Wesen des Aktionärs als Leihkapitalisten entsprichtund das Machtgebiet der Bankenleiter erweitert. Zugleich bedeutet diese Entwick-lung, daß in guten Zeiten ein Teil des Einkommens dem Verbrauch entzogen undin Erwerbsmittel (Kapital) überführt wird, um in schlechten Zeiten dem Verbrauchzurückgegeben zu werden. Solche Konsumverschiebung wirkt ihrem Wesen nachkrisenmildernd. Die planmäßigen Abschreibungen an Debitoren, Effekten und Kon-sortien unter ihren gegenwärtigen Wert beugen plötzlichen Entwertungen der Zu-kunft vor.
In letzter Linie wirkt die Zunahme der buchmäßigen „o f f e ne n" Reservenauch als psychologischer Rückhalt gegen Krisen. Eine Vergleichung des Verhält-nisses des Aktienkapitals zu den ausgewiesenen Reserven bei den 9 Großbankenzeigt eine Steigerung von 10% (1875) auf 25,7% (1895) und 33,3% (1909). Dem-entsprechend schwankten auch die Kurse der leitenden Bankaktien in den zweiletzten Depressionen viel weniger als früher und jedenfalls weniger als die Kurseder wichtigsten Industriepapiere. Unsere besten Banken erstreben den „Quasi-Konsol-Charakter" ihrer Aktien, die vom Spekulationsobjekt zum Anlageobjektemporreifen.
Mehr und mehr entwickeln sich unsere Großbanken und die ihnen angeschlos-senen Bankgruppen zu festen Polen des Wirtschaftslebens, deren Anziehungskraftgerade in Krisenzeiten zunimmt. Die Deutsche Bank gewann an Depositen und Kre-ditoren trotz — oder vielmehr wegen — der Depression 1901: 100 Millionen Mk.,d. h. doppelt so viel als im Jahre vorher. Die Welt unserer Großbanken stellt dieletzte Zitadelle der Volkswirtschaft dar. Um so wichtigerdie Liquiditätspflege, die Reservenbildung, die sorgfältige Generaldisposition!Die Folgen eines Zusammenbruchs in den Reihen unserer Großbanken würden sichzum nationalen Unglück auswachsen.
Aber diese optimistische Beurteilung des Krisenproblems enthält mehr Mög-lichkeiten, die benutzt werden können, als Tatsächlichkeiten, die von selbstwirken. Unser Banksystem als solches trägt auch krisenverschärfendeMomente in sich, die unter Umständen die Oberhand zu gewinnen vermögen.Es befördert die Aktiengesellschaft als diejenige Form des Industrieunternehmens,welche Emissionsgewinne einbringt. Daher die Gefahr der Gründung um der Grün-dung willen, die Gefahr der Geschäftserweiterung über das Maß des Bedarfs, dieGefahr unwirtschaftlich hoher Dividenden, um die hohen Aktienkurse zu recht-fertigen, an denen die Banken als Emittenten din Interesse haben. Weiter die Ge-fahr einer besonderen Bewässerung der „Produktionsmittel-Industrien" als deremissionsfähigenGrößtindustrien. Hierzu gehören die Montanindustrie, die chemischeund elektrische Industrie, der Maschinenbau , die Reederei. Es droht die Gefahrder Ueberproduktion in diesen Gewerben, damit die Gefahr der „Disproportionalität"zwischen Anlage- und Warenkapital, auf welche die Krisenerscheinungen vielfachzurückgeführt werden. Gerade die Banken sind es, die durch ihren Gründungs-eifer die technische Umwälzung fördern und damit alte Arbeitsmittel entwerten,ehe sie planmäßig abgenutzt sind. Die volkswirtschaftliche Rentabilität sinkt zu-gunsten des privatwirtschaftlichen Interesses einiger Wenigen, worauf Liefmann mitRecht besonderen Nachdruck legt 1 ). Die Unternehmungen mit veralteten Arbeits-mitteln sind es, welche dann der Krise am wenigsten Widerstand leisten; sie ent-reißt ihnen jene Kapitalbeträge, die in planmäßiger Am ortisation schrittweise hättenabgeschrieben werden können. — Schließlich verweisen wir darauf, daß unsere Kredit-banken Zahlungsmittel beliebig schaffen können, und daß hier alle jene Krisen-gefahren lauern, welche man einst den Notenbanken vorwarf. Dazu sind die Kredit-
R. Liefmann, „Theorie des Sparens und der Kapitalbildung", in Schmollers Jahr-buch. Bd. 36, 1912. S. 1565 ff.