166 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. III
eine Reihe von Folgerungen, welche unsere Banken nicht nur im allgemeinen, sondernschließlich auch im eigenen Interesse zu befolgen gut tun. Darüber hinaus erfordertjede größere Auslandsanlage ihre besondere, nicht immer leichte Beurteilung unterpolitischem Gesichtspunkt.
1. Unsere Bankwelt finanzierte zunächst das uns politisch nächstverbundeneMitteleuropa: Oesterreich-Ungarn, Rumänien, Skandinavien — eine mit uns auf-steigende Staatenwelt. Zu Zeiten gespannten Geldmarktes, während des Balkan-krieges, emittierte Deutschland allein in der ersten Hälfte 1913, trotz eigenen Geld-bedarfs, an y 2 Milliarde Mk. österreichisch-ungarischer und rumänischer Werte 1 ).
2. In gewissem Umfange erwünscht ist ferner die Anlage deutscher Gelder in jenemwirtschaftlich höchststehenden Gebiete, das Stärke nach außen mit Rechtssicherheitim Innern verbindet, den Vereinigten Staaten. Gute amerikanische Wertesind die beste und ausfuhrfähigste Reserve; sie behaupten im Falle europäischerKriegsverwicklungen am ehesten ihre Kurse. Zur Zeit der Marokkokrisis ist z. B.New York von panikartigen Kursrückgängen verschont geblieben. So konntenUnited States Steel Common Shares zu ihrem annähernd höchsten Kurse, ReadingEisenbahn-Aktien sogar zu steigendem Kurse von Europa abgestoßen werden.Auf der anderen Seite könnte vielleicht an eine Einführung deutscher Staatsan-leihen am ehesten in New York gedacht werden, wozu eine Periode wirtschaftlicherStagnation in Amerika ausgesucht werden müßte 2 ).
3. Rußland ? War die Finanzierung der russischen Welt- und Wirtschaftsmachtdeutsches Interesse? Die Frage ist bisher fast ausschließlich unter privatwirt-schaftlichem Gesichtspunkt beantwortet worden. Milliarden deutschen GeldesWurden in russischen Werten angelegt, besonders in Bahnen, daneben in Banken 3 ).Die Gesamtsumme wird auf 3 Milliarden geschätzt. Die Vorliebe unserer Bankenfür diesen größten aller Schuldner der Weltgeschichte ist verständlich, wenn mandie hohen Bankgewinne gerade an russischen Werten bedenkt. Hierzu kommen dieunbegrenzten Naturschätze und der neuerliche Wirtschaftsaufschwung. Rußlands — eines ganzen, sich eben erst erschließenden Weltteils. Dazu noch die unbegrenztenMöglichkeiten des deutschen Warenaustauschs. Endlich spricht für Rußland derpolitische Gesichtspunkt: Je mehr Rußland neben den angelsächsischen Mächtenaufsteigt, um so mehr rückt Deutschland in die Mitte der Welt 4 ). Aber auf der anderenSeite liegen die Bedenken gegen die Anlage großer.Beträge deutschen Volksvermögensin Rußland auf der Hand, insbesondere nachdem Mitrofanoff — ein sehr berufenerVertreter der russischen Intelligenz — erklärt hat: „Der Weg über Konstantinopelgeht über Berlin " 5 ). Zum mindesten ist die Verteilung des finanziellen Risikos aufmehrere — französische, aber auch englische — Schultern erwünscht. Die Wahr-scheinlichkeit innerer Umwälzungen mahnt nicht minder zur Vorsicht. Würde dierussische Revolution die Schulden des Zarismus anerkennen? So überwiegen trotzaller Lockungen des russischen Nachbars doch die Bedenken, die Rohrbachseit Jahren verdienstvollerweise geltend gemacht hat 6 ).
4. Deutschland beteilige sich ferner an der gewinnbringenden Erschließungjener breiten Gebiete der überseeischen Rohstofferzeugung, welche Europa heutein den Wirbel der Weltwirtschaft hineinzwingt. Jedoch mit Unterschied! Zweifel-haft bleiben alle Anlagen, denen im Notfälle der Gerichtsvollzieher fehlt. In Süd-
x ) Frankfurter Zeitung vom 8. Juni 1913.
2 ) Vgl. Finanzbericht von Hallgarten Co. v. 17. Okt. 1912.
3 ) H. Zickert, Russenbahnen. Plutus v. 29. Juli 1911.
") Sov. Schulze-Gaevernitz, in „Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland".Leipzig , Duncker u. Humblot. 1899. S. 608. C. A. Schaefer, Das neudeutsche Ziel.
6 ) M i t r o f a n o f f, Brief vom 9. Juni 1914 in den Preußischen Jahrbüchern,
6 )P. Rohrbach, Deutschland unter den Weltvölkern. Berlin-Schöneberg . 1911.S. 88ff. und derselbe anderwärts. Vergl. auch R. Goldscheid , Deutschlands größteGefahr. Berlin 1915.