III
Bankenaufbau.
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werden, um die £-Aktie und die größere Börsenfreiheit Londons auszunutzen; siesegeln dann im Auslande unter britischer Flagge und können englische Mitdirektorenkaum vermeiden. In England wird oft emittiert, „ehe ein Spatenstich gemachtist" !).
C. Politische Beurteilung der Auslandsanlage.
Kapitalausfuhr ist ein Mittel für Zwecke der aus-wärtigen Politik und in ihren Erfolgen zugleich von derauswärtigen Politik abhängig.
a) Die Gläubigerstaaten: Frankreich, England, Deutschland. England undFrankreich, die beiden großen Gläubigermächte der Welt, sind politische Banker.Staat und Bankwelt stehen hier einen Mann. So die französische Regierungund der Credit Lyonnais. So die Freundschaft Eduards VII. mit Sir E. Cassel.In der Hoffnung auf das große Los im politischen Glücksspiel setzte Frank-reich Milliarden auf die eine russische Karte. Als der Geldnehmer Frankreichs war Rußland sogar in der Lage, im fernen Osten — China, Persien — als politischerGeldgeber aufzutreten. Als Geldgeber kettete Frankreich Spanien und Italien an sich, welche in Algeciras Klientendienste leisteten. Frankreich war bereit, einemMinisterium Kossuth Anleihen zu gewähren, die es dem Grafen Kuehn verweigerte:„Das Aufgeld wäre der Dreibund gewesen.'' Als politischer Geldgeber hat England das britische Weltreich neu zusammengeschweißt, ohne den Druck auf den Kursder eigenen Konsols zu scheuen 2 ). Die Mündelsicherheit, welche den kolonialenStaatsanleihen im Mutterlande zuerkannt wurde, hat bewirkt, daß z. B. ein halb-erschlossenes Neuland wie Natal billigeren Kredit genießt als das altgefestigte, hoch-solide Preußen mit seinem riesigen Eisenbahnen- und Domänenvermögen. DieserKr^ditnexus ist ein „Band des Interesses", stärker vielleicht, als es der Chamberlain-sche Vorzugszoll je gewesen wäre. Ueber den Reichszusammenhang hinaus hält derbritische Gläubiger Japan in politischer Gefolgschaft, Argentinien in kolonialerAbhängigkeit, Portugal in unverhüllter Schuldknechtschaft. Die goldbetreßtenGouverneure des portugiesischen Afrika sind Puppen am britischen Drahte.
In diesem Kampfe um den Schuldner ist Deutschland wegen seinerrelativen Kapitalarmut verhältnismäßig schwach. Sein jährlicher Kapital-zuwachs strömt in erster Linie in die heimische Industrie, sowie in jene inländischenNeuanlagen, die durch den gewaltigen Geburtenüberschuß bedingt sind. Jederheranwachsende Deutsche bedeutet einen erheblichen Kapitalaufwand an Erziehungs-und Fachbildungsunkosten. Wie viel mehr der Kopfarbeiter, auf den alles — vorallem der handarbeitende Vater — hindrängt. Solche Kapitalarmut ist um sofühlbarer, als Deutschland selbst eines kräftigen Geldgebers im Auslande entbehrt.Politische Gründe verbieten es, deutsche Anleihen in größeren Beträgen auf denenglischen oder französischen Markt zu bringen, von wo sie im ungeeignetsten Augen-blicke zurückgeworfen werden könnten. Da unser Kapitalvorrat knapp ist, so ist esum so wichtiger, bei unseren Auslandsanlagen, soweit sie aus volkswirtschaftlichenoder politischen Gründen unentbehrlich sind, planmäßig und haushälterisch vorzu-gehen, nach der Richtschnur: Bewässerung der deutschen Freund-schafts- und Einflußsphäre 3 ). Wichtiger als das „Daß" ist das „Wie"der Auslandsanlage.
b) Deutschlands Anlagegebiete. Aus dem politischen Obersatz ergeben sich
!) Bankarchiv V. 1905/06. S. 195 ff. 210 ff.
2 ) Vgl. v. Schulze - Oaevemitz, Britischer Imperialismus und englischer Frei-handel. Leipzig 1906 (in unverändertem Neudruck wieder im Buchhandel). S. 318.
3 ) Sartorius von Waltershausen, Das volkswirtschaftliche System derKapitalanlagen im Auslande. Berlin 1907. S. 296. K. Helfferich, Bankarchiv vom15. April 1911. S. 209 ff.