164 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. m
Neigungen es durch industrielle Gründungen entgegenkommt, die durch Rückflußder Aktien allmählich in die Hände der Nationalen übergehen. Auf solchem Wegeverwirklichte Deutschland als Unternehmer-Gläubiger z. B. die Absichten, die derrussischen Schutzzollpolitik zugrunde liegen, was ein Nur-Rentner wie Frankreich ,ein Kolonialunternehmer wie England nicht gekonnt hätte. So sagt ein ausge-zeichneter russischer Volkswirt: „Nach Rußland bringen die Deutschen nicht nurKapitalien, sondern Unternehmergeist, Energie, Initiative, Erfahrung." Wie viellangsamer wäre die zentralrussische Textilindustrie zum modernen Großbetriebübergegangen ohne die unermüdliche Tatkraft eines Knoop ? Wo wäre Polen-Lodz ohne deutsche Befruchtung? *).
Die Kapitalanlagen in tropischen und subtropischen Rohstoffgebieten sinddem Gläubigerstaate viel dauerhafter verbunden. Solche Unternehmungen warenfrüher das Monopol Englands . Deutsches Kapital — in englischen Unternehmungenangelegt — beschäftigte die englische Industrie und war ein Hebel der politischenMacht des Auslandes. Die Hunderte von Millionen deutschen Geldes, die unterenglischer Leitung in Transvaal arbeiten, haben Deutschland in beiderlei Hinsichtwenig genützt. Heute greifen mit dem wirtschaftlichen und politischen AufstiegDeutschlands die deutschen Auslandsunternehmungen um sich. So war derGrundgedanke der Gesetzesvorlage eines Leuchtölmonopols der, die deutsche Unternehmung im Auslande (Galizien, Rumänien, Türkei ) an Stelle der Ab-hängigkeit von dem amerikanischen Monopolisten zu fördern; man hoffte durch dieKontrolle über Rohstoffgebiete, vermittelt durch eine deutsche Großbank, zugleichdie Oelversorgung von Heer und Flotte (Benzin, Treiböl) am besten zu sichern undan neuländischer Grundrentenbildung teilzunehmen.
Heute ist Deutschland der typische „Auslandsunternehmer", während Frank-reich und allgemach auch England zum Rentner verknöchern. Nicht der größereReichtum eines Landes entscheidet in dieser Frage. Deutschland ist reicher als Frank-reich, und doch ist letzteres aufspeichernder Rentner, wogegen Deutschland Unter-nehmungslust aussprüht. Die Vereinigten Staaten sind reicher als England . Aber derEngländer — einst wagemutiger Weltenstürmer, merchant adventurer! — ist heutevom Vorurteil gegen Neuerungen ergriffen, und England wird zum „Altenheim derAngelsachsen". Auf dem wirtschaftlichen Kampfplatze wird England vom Taten-drang Amerikas weit überholt. Der Wille des Rentners, nicht zu arbeiten, weistvielmehr auf geistesgeschichtliche Unterlagen zurück: Langsame und unterbewußteZersetzung der Berufsidee, welche zur Arbeit als dem Mittel für die Verwirklichungüberpersönlicher Werte verpflichtet. Noch sind unsere Großbanken von jenemWagemut erfüllt, der neben Ehrlichkeit und Vorsicht die bessere Hälfte der kauf-männischen Seele ausmacht. Trägt die Welt heute ein angelsächsisches Gesicht,so sind unsere Banken daran, durch Eisenbahnen, Bergwerke, Plantagen, Kanäle,Bewässerungsanlagen usw. diesem Antlitz die Züge deutschen Geistes einzuzeichnen.Ihre dem Auslande zugewandte Unternehmungslust fühlt sich allerorts noch durchKapitalknappheit gehindert — Kapitalknappheit nur im Verhältnis zu den Ausdeh-nungsmöglichkeiten. Nicht minder hemmend wirkt vielfach die politische Schwächegegenüber alteingesessenen beati possidentes. Hierzu kommen in letzter ReiheHemmnisse in unserer Aktien- und Börsengesetzgebung, welche auf inländische,nicht auf überseeische Unternehmungen zugeschnitten ist. Letztere sind ihremWesen nach unsicher; man kann an ihnen viel verdienen, aber auch viel verlieren.Zuverlässige Prospekte, wie sie unsere Börsenbehörde verlangt, sind oft unmöglich.Die patriarchalische Sorge unserer Behörde für das Publikum ist in kolonialenDingen vielfach ein Hemmschuh und das englische laissez faire ein Vorzug. Sogeschieht es nicht selten, daß deutsche Unternehmungen in England gegründet
*) J> J- L e w i n , Deutsche Kapitalien in Rußland . Petersburg 1914 (in russischer Sprache)S. 49ff. Vgl. über Knoop v. Schulze-Gaevernitz, Volkswirtschaftliche Studienaus Rußland. Leipzig 1899. S. 90 ff.