III
Bankenaufbau.
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sehen Volkswirtschaft sind Bank- und Industriewelt auf das engste miteinander ver-flochten; an einzelnen großen Industriewerken sind unsere Großbanken unmittelbarinteressiert. So hat z. B. die Diskontogesellschaft als Emittentin rumänischer Bahn-werte Aufträge an die Dortmunder Union, die Deutsche Bank als Erbauerin desHafens von Haidar Pascha Aufträge an Siemens und Halske geleitet; die DresdnerBank hat als Gründerin der Victoria Falls Co. die deutsche elektrische Industriebeschäftigt. Auch aus dem Grunde hat der Emittent ein Interesse, die heimischeIndustrie zu beschäftigen, weil die betreffende Auslandsanleihe sich dadurch imInlande leichter „einbürgert". In manchen Fällen werden die heimischen Industrie-werke direkt mit Stücken der Auslandsanleihe bezahlt. In letzter Linie kann das Gläu-bigerland unter Umständen auch einen politischen Druck auf das Schuldnerland inder Richtung von Zollherabsetzungen ausüben, wie es Frankreich wiederholt getan hat.Aber Druck erzeugt Gegendruck; „Zwangsbestellungen" schrecken auf die Dauerab x ). Nur diejenige Kapitalausfuhr hilft auf die Dauer der heimischen Industrie,welche dem Schuldner ebenso zugute kommt, wie dem Gläubiger. Die Einsichtin den beiderseitigen Nutzen wird bei politischer Zusammenarbeit der be-treffenden Länder sich am ehesten im Bewußtsein des Schuldners durchsetzen.Rohstoffländer werden durch zweckmäßige Verschul-dung reicher.
Der deutsche Gläubigerstaat begegnet jedoch in seiner Industriepolitik demstärkeren Mitbewerb der alten Gläubigerländer, insbesondere Englands und Frank-reichs. Die ungeheure Anlage Englands von gegen 600 Millionen £ in Südamerika schafft der englischen Industrie breite und sichere Abnehmer — schon allein zurErhaltung und Erneuerung der Anlagen in Eisenbahnen, Bergwerken, Hafenbautenusw. Auch hier wirken stimmungsmäßige Unwägbarkeiten in hohem Maße mit.So hat z. B. die französische Industrie von Frankreichs politisch bestimmten Riesen-anlagen in Rußland nur wenig Vorteil gehabt — Frankreich besitzt an 20 MilliardenFr. russischer Werte, versieht dagegen nur 3,53% der Wareneinfuhr Rußlands . MehrVorteile hat Frankreich von den südamerikanischen Anlagen auf einem in Absatz-gewohnheiten verwandteren Markte. Neuerdings geht es sehr energisch in derRichtung der Exportförderung vor; z. B. hintertrieb es 1910 einen dänischenWeinzoll durch die Androhung, die Zulassung dänischer Anleihen auf dem fran-zösischen Markte in Zukunft zu verweigern. Frankreich versagte die Zulassungeiner argentinischen Anleihe 1909 wegen Bestellung von Kriegsmaterial in Deutsch-land unter Umgehung Frankreichs . Die Einführung der Türkenanleihe 1910 wurdevon einer eigenartigen Meistbegünstigungsklausel abhängig gemacht, dahin gehend,daß die Türkei von keinem fremden Staate mehr bestelle als von Frankreich .Der französische Rentnerstaat erlebt so eine industrielle Nachblüte 2 ).
c) Ausfuhr von Unternehmerkapital. Von großer volkswirtschaftlicher Be-deutung ist auch die Frage: Leiten die kreditvermittelnden Banken den von ihnenbewässerten Auslandsschuldnern lediglich leihkapitalistisches Kapital zu, oderbehauptet das Kapital-ausführende Inland im Auslande die Stellung des anregenden,überwachenden, leitenden Unternehmers? Noch ist Deutschland kein Nur-Rentner; es befruchtet als Gläubiger zugleich seine Auslandsanlagen mit technischemKönnen und mit organisatorischer Tatkraft. In den großen Handels- und Industrie-mittelpunkten des Auslandes — in England, Rußland, Südamerika, Südafrika,Ostasien — ist die „deutsche Kolonie" fast immer die stärkste — ziffernmäßig, nichtkapitalistisch. Ueberall ist der deutsche Kaufmann, Techniker, Verwalter zu Hause.Deutschland fördert damit sich selbst, indem es die Enge der kleindeutschen Grenz-pfähle erweitert; es dient nicht minder dem Auslande, dessen merkantilistischen
J ) So Lansburgh, Bank. 1909. S. 825 ff.
2 ) Ferd. Moos, Die französischen Kreditinstitute und die französischen und eng-lischen Kapitalanlagen im Auslande. (Jahrb. für National-Oekonomie. III. F. 39. Band.S. 237 ff.)
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