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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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162 G. v. S e h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. III

und festverzinsliche Werte sind unter gleichen Bedingungen ausfuhrfähiger alskleinere Dividendenpapiere. Die Beweglichkeit aber hat zur Voraussetzung, daßdie betreffenden Effekten in dem Sinne international sind, daß sie an mehrerengroßen Börsenplätzen des Auslandes, womöglich auch auf einem breiten Heimats-markte, gehandelt werden 1 ). In letzter Stunde ist es unmöglich, einem uneinge-führten Effekt einen neuen Markt zu schaffen. Wo Deutschland aus politischenGründen der einzige Geldgeber ist, sollte es wenigstens Zulassung auf den kleineren,uns nahe verbundenen Geldmärkten Hollands, Belgiens und der Schweiz erstreben;bei orientalischen Geschäften sollte Wien beteiligt werden. Die Beweglichkeit derausländischen Effekten hat ferner zur Voraussetzung, daß der ganze Betragder Emission an den verschiedenen ausländischen Börsenplätzen eingeführt ist,nicht etwa nur die eine Serie hier und die andere Serie dort. Die Beweglichkeitist zu unseren Ungunsten dann besonders verkürzt, wenn wie vorgekommen inDeutschland zwar die ganze Anleihe, dagegen im Auslande nur der daselbst unter-gebrachte Teil Börsenfähigkeit erlangt hat. Das Ausland kann dann im kritischenAugenblick uns seine Werte zuwerfen, ohne daß wir das gleiche zu tun vermögen.Zum mindesten ist die Internationalität der Emission in den verschiedenen Ländernin gleicher Weise zu wahren. Schließlich wird die Beweglichkeit der Auslands-anlagen durch eine starke einheimische Börse mit großen Umsätzen in internationalenWerten gefördert. Ein Vorteil ist es, daß im Auslande sich wenige deutsche Ef-fekten befinden, die im Ernstfalle uns zurückgeschoben werden könnten. Insofernkommt uns die politische Unbeliebtheit Deutschlands wirtschaftlich zugute, da sieunsere wirtschaftliche Selbständigkeit- fördert.

b) Die auswärtige Kapitalanlage dient ferner der notwendigen Ergänzungdes heimischen Industriestaates zunächst im allgemeinen dadurch, daß sie die pro-duktiven Kräfte des Auslandes entfaltet. Das Kapital Alt-Europas ist es, das ausöden Wüsten und unerschlossenen Fernen Rohstoffe und Nahrungsmittel hervor-zaubert. Diese Güter sind die einzige Gegengabe, welche das Ausland für unsereIndustrieausfuhr uns bieten kann. Unser Kapital muß sie aber durch den Ausbau vonVerkehrsmitteln in Bewegung setzen. Die ganze europäische Industriewelt beruhtauf der Bewässerung der außereuropäischen Welt durch europäischen Kredit.In solcher Hinsicht kommt jedoch sehr viel darauf an, nicht daß, sondern waskreditweise ausgeführt wird. Sind es Güter, welche die Produktivität der aus-ländischen Volkswirtschaft heben? Maschinen und Eisenbahnmaterial rechnenhierher in erster Linie. Kriegsmaterialien dann, wenn es sich um die Verteidigungnoch unvergebener Neuländer (China, Türkei, Marokko ) gegenüber fremden Aus-dehnungsgelüsten und monopolistischer Handelspolitik (etwa Frankreichs, Ruß-lands ) handelt.

Auch in ihrer Wirkung auf den Geldmarkt erweist sich die Auslandsanlageals exportfördernd. Der europäische Exporteur kann seine auf das Ausland gezogenenWarenwechsel vorteilhafter verwerten, wenn das Ausland als Kreditnehmer dieAnleihe abhebt, und sich damit eine starke Nachfrage nach seinen Wechseln aufeuropäischen Märkten entfaltet. Dieser Industrie-fördernden Seite der Auslands-anlagen steht freilich die hemmende gegenüber: Sie verknappen den Kapitalmarktdes Gläubigerlandes, auch wenn sie den Geldmarkt vorübergehend erleichtern.So legte z. B. Rußland während der Revolution 1906 den Ertrag einer Goldanleihe,die es in Deutschland aufgenommen hatte, kurzfristig in Deutschland an. Es entstandder Schein der Geldfülle, während das der deutschen Industrie zu Gebote stehendeAnlagekapital in der Zeit eines industriellen Aufschwungs vermindert worden war.

Neben solchen allgemeinen und unbewußten Zusammenhängen steht die aus-drückliche Fürsorge für die Ausfuhrinteressen der heimischenIndustrie, welche unsere Großbanken als Auslandsemittenten ausüben. Diese Für-sorge verdichtet sich öfters zu bestimmtenExportklauseln". Im Aufbau der deut-

9 So schon Michaelis, Volkswirtschaftliche Schriften II. Berlin 1873. S. 227.