168 G. v. Schulz e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. III
teten Meinung mit dem Bankwesen nichts zu tun. Tatsächlich aber fließen politischeund volkswirtschaftliche Gedanken bei der Beurteilung der Auslandsanlagen untrenn-bar ineinander. Noch ist die Erziehung unserer Bankwelt zu politischem Denken
unvollendet. Zwar gehören jene Tage der Vergangenheit an, da ein Rothschilderst nach Weißenburg deutsche Kriegsanleihen zeichnete. Im Ernstfalle werdenunsere Banken wie Kapitalisten einen Teil ihres Vermögens sofort einsetzen müssen,srhon aus dem Grunde, um das übrige zu retten. Aber noch fehlt dem Denken unsererBankwelt jener nationale Unterton, welcher in Frankreich und England wirksamist und der Worte nicht bedarf. Verwandtschaft und Verschwägerung, Antisemitis-mus in Deutschland, aristokratische Verflechtung in London und Paris führen dieMänner und noch mehr die Frauen unserer Hochfinanz vielfach zu jenem rück-gratlosen Internationalismus, der mit dem stolzen Weltbürgertum Fichtes nichts —auch gar nichts — zu tun hat. Derartige Unwägbarkeiten spielen hinüber in das Wirt-schaftsleben. Andererseits wirkt unter uns aus den Zeiten des Merkantilstaates dieLehre vom „beschränkten Untertanenverstand" nach — eine Lehre, an der dasschlimmste der Umstand sein würde, wenn sie wahr ist. Es genügt keineswegs beiinternationalen Finanzgeschäften, das auswärtige Amt zu „fragen". Denn es bestehtkeine Gewähr, daß dieses Amt den Fragern die Notwendigkeit des politischen Den-kens erspart. Auswärtige Politikist keine Geheimkunst der Diplomaten. Ein solcherveralteter Standpunkt erscheint um so gefährlicher, als unsere Staatskunst noch weitdavon entfernt ist, Kapital und Demokratie als Waffe nach außen zu begreifen. DieKapitalfeindschaft unserer Gesetzgebung im Innern bedrohte uns in der Wettfahrtder Völker mehr als einmal mit Strandung auf der kleinkapitalistischen Sandbank.Freiheitswidrige Zustände im Innern verhindern auch die Vertiefung des weltpoli-tischen Gedankens in der Volksseele. Wie weit entfernt sind wir von dem „im-perium e t libertas", dem der Angelsachse von Cromwell bis zu Rhodes seine größtenErfolge verdankte!
Trotz alledem wachsen wir in Weltpolitik wie in Weltwirtschaft hinein. Nichtswirkt erzieherischer als der Besitz und die Ausübung der allmählich anschwellendenMacht selbst. Unsere Großbanken sind heute tatsächlich in der Lage, ganz andereGewichte in die Wagschalen der Welt zu legen, als noch vor zwanzig-Jahren. Niemandaber könnte diese Erziehung so sehr fördern, als der Staatsmann, der, bei allemAugenmaß für die gegebenen Machtverhältnisse, eine neudeutsche Politik der Frei-heit nach innen und der Größe nach außen klar und großzügig zur Geltungbrächte. Ihm würden in der Bankwelt kongeniale Geister entgegenreifen. Aus derSchule des Neuidealismus trüge ein neues Geschlecht in das Getriebe der Welt-wirtschaft den Gedanken Fichtes hinüber, daß Gott noch Großes mit der deut-schen Nation vorhabe.
d) Kontrollinstanz? Man fordert vielfach eine behördliche Stelle, welche dasöffentliche Interesse bei der Zulassung von Auslandsemissionen wahrzunehmenhätte. Nicht geeignet zu solcher Kontrolle ist, wie Dernburg 1 ) mit Rechthervorhebt, der Finanzminister, bei dem die fiskalen Wünsche zugunsten der Staats-anleihen nur zu leicht überwiegen. In ihrer halb korporativen, halb rechtlichenStellung haben sich die „Zulassungsstellen" zur Wahrnehmung öffentlicher In-teressen bisher nicht schlecht bewährt, trotz mancher Entgleisungen im einzelnen.Bedarf es dahinter, wie vielfach behauptet wird, einer letzten Instanz, welche —in Fühlung mit der auswärtigen Politik des Reiches — unsere Auslandsanlagen zuüberwachen hätte? Reift die Reichsbank etwa auch hier zur letzten Kontroll-instanz unserer Kreditwirtschaft empor, deren Aufgabe es ist, volkswirtschaft-liche wie nationalpolitische Maßstäbe über privatwirtschaftliche Zielsetzungenhinaus zur Geltung zu bringen ? Die gesetzliche Bestimmung, wonach die Ausgabekolonialer Kleinaktien an die Zustimmung des Reichskanzlers gebunden ist, deutetin diese Rich tung hin. Gelegentlich hat auch der Vertreter der Reichsbank selbst in
') Dernburg, Kapital und Staatsaufsicht. Berlin, Mittler. 1911.