174 G. v. Schulz e-Gaevernitz, Die deutsche Kreditbank. III
zugleich spekulierende Publikum auf künftige Gewinnaussichten. Es wird kaum einüberseeisches Unternehmen mit den veranschlagten Kosten ins Verdienen gebracht.Die Beschaffung neuen Kapitals stößt nicht selten auf Schwierigkeiten; dadurchwerden dann auch die ersten Einzahlungen gefährdet. Demgegenüber ist die deutscheGroßbank dauernde Patronin auch ihrer überseeischen Unternehmungen, die siezunächst lebensfähig zu machen gewohnt ist, um ihre Werte erst dann zu emittieren.Die Vorzüge der deutschen Organisation l ) erkennt ein Bericht der französischenHandelskammer zu Alexandria 2 ) an: „Die französischen Banken begnügen sichdamit, die eigentlichen Bankoperationen in eng gezogenem Rahmen auszuführenund haben seit Jahren darauf verzichtet, Neuerungen zu bringen, die dem Handelund der Industrie zugute kommen würden. Die deutschen Banken dagegen scheuensich nicht, aktiven Anteil an großen Handels- und Industrie-Unternehmungenzu gewinnen und sie in jeder Weise zu unterstützen, so daß sie für diese geradezuunentbehrlich geworden sind. Ferner lenken die deutschen Banken die Aufmerk-samkeit ihrer einheimischen Kunden auf deutsche Häuser und besorgen Vertreterfür Exporteure. Weiterhin übernehmen sie die Emission der Aktien von Handels-und Industrie-Unternehmungen und deren Unterbringung im Ausland."
Um so nüchterner wollen wir die Tatsache feststellen, daß wir die Spätgekom-menen sind. Im deutschen Auslandsbankwesen handelt es sich um die vielver-sprechenden Schritte eines tatenfrohen Jünglings, dem der größere Teil der Weltvom glücklichen Besitzer versperrt ist. Im britischen Weltreiche, vom französi-schen und russischen gar nicht zu reden, findet sich kaum eine deutsche Bank-niederlassung, und doch wurde behauptet, daß der Brite zugunsten aller die Weltverwalte. Die Zukunft des deutschen Auslandsbankwesens ist weithin abhängigvon der politischen Aufgabe: Offenhaltung der noch unvergebenen Welt,Neugeburt der mohammedanischen Welt, deutsches Kolonialreich in Afrika. Geradeden deutschen Auslandsbanken offenbart sich die politische Macht als Hebel fürwirtschaftliche Zwecke. Damit ist eine Rückwirkung auf die heimischen Mutter-banken insofern gegeben, als die Direktoren hinüber und herüber wechseln. Diedeutsche Auslandsbank schult die gesamte deutsche Bankwelt zu nationalpolitischemDenken. Die Erziehung würde vertieft und gesichert werden durch innigere Fühlungunserer Bankmänner mit der klassischen Kultur Altdeutschlands. Was hat derDeutsche über See dem massigen Herrenbewußtsein des Briten Gleichwertiges ent-gegenzusetzen als den Stolz, dem vielbewunderten „Lande der Dichter und Denker"sich zuzurechnen? (Hierzu tritt heute das Bewußtsein, der Welt die Stirn gebotenzu haben — Marathon! Der Weltkrieg ist eine Schule, die in Monaten lehrt, wassonst in Jahrzehnten nicht gelernt wurde.)
XI. Kapitel.
Kreditbanken und Reichsbank.
A. Die Bank der Banken 3 ).
a) Von der Notenfreiheit über die Zentralnotenbank zur Zentralbank. Im
Laufe des neunzehnten Jahrhunderts war das Verhältnis der Notenbanken zu den
*) Bankarchiv V. 1905/06. Scharlach (Unsere Banken und die Kolonien S. 195 ff.209 ff.) 265/269 (S c h i n c k e 1, Unsere überseeischen Bankunternehmungen).
2 ) C. A. Schaef er, Ziele und Wege der jungtürkischen Wirtschaftspolitik S. 109/10(Volkswirtsch. Abhandl, der bad. Hochschulen N. F. H. 17). Karlsruhe, G. Braun, 1913.
3 ) Plenge, Von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt. Berlin 1913.S. Heiander, Theorie und Politik der Zentralnotenbanken in ihrer Entwicklung (Frei-burger Dissertation 1914). Derselbe, Conrads Jahrbücher III. F. 44. Bd. Jena 1912,Das Zurückgehen der Bedeutung der Zentralnotenbanken. — Die Grundgedanken nachstehenderAusführungen veröffentlichte ich bereits in der Frankfurter Zeitung v. 3. Okt.1912 Nr. 274: „Die leitende Frage des diesjährigen Bankentages."