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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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188
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188 G. v. S c h u 1 z e -G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. III

oder später abläuft. Derkapitalistische Geist" kränkelt unter der Frage: Ist Geld-erwerb Selbstzweck oder nicht vielmehr Geld g e n u ß ? Ist das Gehorsam hei-schendeGeschäft" mehr als eine unverbindliche Abstraktion ?Der Sklave derBuchbilanz rebelliert auf seinem Comptoirbock und schielt nach der Halbwelt desRentnerstaates." An einem bestimmten Punkte, unter abnehmendem Bevölkerungs-druck, erklärt derkapitalistische Geist", genug verdient zu haben und verfällt denLockungen des Sports und des Luxus 1 ).

Was vom britischen Wirtschaftsmechanismus wahr ist, gilt in noch höheremMaße vom organisierten Kapitalismus Neudeutschlands. Zwar ist auch in seinemAufbau dem Gewinnstreben ein breiter Spielraum gelassen. Aber das Ganzefällt als tote Masse auseinander, wenn nicht überwirtschaftlicher Geist sein Lebendurchflutet. Dies gilt um so mehr, je weiter die Kartellbildung und die Verbeamtungfortschreiten. Denken wir an unseren Bankenaufbau: Im Mittelpunkte steht durchaus über wirtschaftlich bestimmt die Reichsbank, das Ganze in Not-ständen sichernd und dauernd in großen Zügen leitend. Um sie herum wachsen dieGroßbanken aus der privatwirtschaftlichen Sphäre in fortschreitendem Zusammen-schluß zu volkswirtschaftlicher Verantwortung empor. Im weiteren Kreise bewegtsich die Masse der Filialen und Provinzbanken durchaus auf privatwirtschaftlichemBoden im gegenseitigen Mitbewerb; aber sie erhält von den Zentralen her gelegentlichnicht unwichtige volkswirtschaftliche Direktiven: Kreditpolitik, Konjunkturpolitik.In letzter Linie steht an den Außenposten und in den Lücken des Systems derPrivatbanker als Vertreter des alten, rein privatwirtschaftlich bestimmten Einzel-unternehmers. Aber die große Masse der Arbeit wird nicht mehr vom Einzelunter-nehmer, sondern vom Beamten verrichtet. Von ihm verlangt man- berufsmäßigeDienstleistung auf Grund standesgemäßer Lebenshaltung. Die leitenden Köpfetragen nationalpolitische Verantwortung. So sindBeruf" undNation "die beiden überwirtschaftlichen Werte, die neben dem privatwirtschaftlichen Ge-winnstreben unseren Bankenaufbau tragen. Der Alleinherrschaft des Gewinnstrebensentspräche der Beamte, der am feinsten betröge und für den höchsten Gehalt amwenigsten Arbeit leistete. Der Direktor wäre der beste, der für sich Millionenin Sicherheit brächte, indem er dasInstitut" in die Luft sprengte.

Beruf und Nation aber sind objektiveWerte, die ohne einen letzten Werttot sind vielleicht Gegenstand völkerpsychologischer Feststellungen, nicht ver-bindliche Ideen. Dieser letzte Wert liegt in der Transzendenz. So ragt dieTranszendenz auch in das scheinbar fernliegende Bankwesen hinein. Wird jenerNeuidealismus, der von den Alpengipfeln unserer Vorzeit ausströmt, auch die Niede-rungen des zwanzigsten Jahrhunderts zu neuem Leben erwecken? Wird unter unsKants Freiheitslehre lebendig werden, welche die Freiheit des Briten gegen HumesZweifel und Benthams Nützlichkeit verteidigte und erst endgültig sicherstellte?Vergessen wir nicht: Unser deutscher Geist steht seit Kant dem Freiheitsgedankender Briten innerlich näher, als dem Stockgehorsam des älteren Merkantilismus oder dertraditionalistischen Gebundenheit des russischen Volkes. Der Ewigkeitsgehalt derbritischen Weltperiode ist in ihm aufgehoben, ohne das Letzte und das Höchste zusein. Ueber der anarchischen Freiheit des Briten liegt die vernunftgeordnete Freiheitdes Deutschen . Werden über Kant hinaus unter uns Fichte und Hegel lebendige,Kraft gewinnen, welche die Freiheit des Einzelnen einordneten in das Ganze derNation, der Menschheit, des allumfassenden Geistes ? Wird unter uns die deutscheFreiheit verwirklicht werden , soweit dies auf der armen Erde schwachenMenschenkindern möglich ist? Die deutsche Freiheit die Freiheit des in seinerEigenart unersetzlichen Gliedes im selbstgewollten Dienste am Ganzen. DiesesGanze, das selbst einem höheren Ganzen dient, bis hinein in die Ewigkeit, trägt und

x ) v. Schulze-Gaevernitz, Britischer Imperialismus und englischer Frei-handel zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Leipzig , Duncker u. Humblot, 1906. S. 361. (Jetztwieder neu im Buchhandel.)