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einen Agrarprodukte verkaufenden, die Handelsbilanz ver-bessernden, Industrieprodukte kaufenden Landbau ist dieGrundthatsache der russischen Wirtschaftsentwicklung in derzweiten Hälfte unseres Jahrhunderts; sie ist zugleich dieGrundlage jener Fortschritte von Industrie und Finanzen,welche zwar mehr in das Auge fallen, aber doch im ursäch-lichen Zusammenhang zweiter Ordnung sind.
Einen Uberblick über die agrarpolitische Lage Rufslandszu geben, ist eine schwierige Aufgabe innerhalb der Grenzenvorliegenden Bandes. Jedoch scheint mir ein fester Stand-punkt in den schwierigen Fragen der russischen Gewerbe-,Handels-, Finanz- und Währungspolitik unmöglich, ohne zuder Grundthatsache des russischen Wirtschaftslebens, der Ent-wicklung der ländlichen Geldwirtschaft, Stellung genommenzu haben. Diese Stellungnahme aber ist für mich geradezueine Pflicht der Aufrichtigkeit, da von einem grofsen Teil derrussischen Leser der im folgenden vertretene Standpunkt mitLeidenschaft abgewiesen werden wird.
Aber wenn ich vorliegenden Band nicht um einen weiterenvermehren und damit den Abschlufs dieser Arbeit in unabseh-bare Ferne rücken wollte, so mufste ich mich darauf be-schränken, meinen Standpunkt mit wenigen Zügen zu zeichnenund etwa nur eine Disposition dessen zu geben, was ich imeinzelnen gerne ausgeführt hätte.
A. Landwirtschaftliche Geographie.
Jede Besprechung der russischen Agraria hat, um dendeutschen Leser zu orientieren, zunächst einen Überblick überdie landwirtschaftliche Geographie des Zarenreiches zu geben:Rufsland zerfällt in zwei scharf getrennte, ja vielfach gegen-sätzliche landwirtschaftliche Gebiete. Der nördliche Teilwird eingenommen durch die dem Ackerbau wenig geeignete„Waldzone", der südliche Teil von der Getreide bauenden„Schwarzerde ". Die Linie, welche beide trennt, streichtvon Südwesten nach Nordosten und wird ungefähr gewonnendurch Verbindung der Städte Kieff, Tula, Kasan .