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mit der Verminderung des Viehs nimmt die Düngung ab;der ungedüngte Boden unterliegt leichter der Trockenheit" l .
Hierzu kam die Einführung der modernen Technik inder Industrie und dem Verkehrswesen Rufslands. Der Bauerverlor dadurch in vielen Fällen seine Nebenbeschäftigung,sowohl die Hausindustrie als das früher im Winter einträglicheFuhrwesen; er verlor damit denjenigen Erwerb, welcher ihmfrüher einen beträchtlichen Teil der zur Steuerzahlungnötigen Barmittel lieferte. Dieser Umstand zwang ihn, einenimmer gröfseren Betrag der Ernte zu verkaufen. Bei demStillstande der Technik wurde dieser gröfsere Betrag nichtdurch Produktionssteigerung, sondern auf Kosten derKonsumtion und des Bodenkapitals aufgebracht.
Aus dem gleichen Grunde war der Bauer gezwungen,Flachsbau und Schafzucht einzuschränken, welche ihm früherden Rohstoff zu der selbst gefertigten Kleidung lieferten.Notgedrungen mufste er Industriewaren, in erster LinieTextilstoffe, kaufen und zwar zu Preisen, welche durch dasZollsystem weit über die Preise des Weltmarktes erhöhtwaren. Auch damit stieg der Bedarf an Barmitteln, welcher,da die Erträge nicht wuchsen, vielfach durch Unterernährungoder Ausraubung des Bodens und des landwirtschaftlichenInventars gedeckt wurde.
In diesem Zusammenhange ist die Kapitallosigkeit derbäuerlichen Wirtschaft erklärlich: der Mangel an Düngungund an verbesserten Werkzeugen. Noch ist der altertümlicheHackenpflug (Socha) in Grofsrufsland weit verbreitet, welcherden Boden nur oberflächlich ritzt und nicht wendet. Nochvor zwanzig Jahren wurde die Notwendigkeit der Düngungauf der Schwarzerde geleugnet; heute zweifelt kein Menschmehr an ihrem Nutzen. Der Bauer hat diese Einsicht bereitsin ein Sprichwort gekleidet: „Der Mist ist kein Heiliger,aber dennoch er verrichtet Wunder". Trotzdem könnte ich auseigener Beobachtung berichten von den Bergen Düngers, diesich vor Guts- und Bauernhäusern so häufig auftürmen und
1 Nicolai — on a. a. 0. S. 312.