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Wirtschaftskomplexe verfügt, hat alle Aussichten darauf, un-gestört immer reicher zu werden, während der übrige Teilder ländlichen Bevölkerung unvermeidlich immer ärmer werdenmufs; unvermeidlich müssen dessen Rückstände anwachsen,und unvermeidlich mufs dieser Bevölkerungsteil nach undnach aus der Gemeinde scheiden, um anderen Erwerb zusuchen. Durch die Anwendung von Maschinen in dem land-wirtschaftlichen Betriebe werden den Wirtschaften gröfserenUmfanges noch höhere wirtschaftliche Vorteile zu gute kommen.Dies tritt schon besonders drastisch in unserem Steppengebiet,z.B. in dem Gouvernement Samara undTaurien, hervor. Schliefs-lich müssen wir unvermeidlich zu jener Wirtschaftsordnunggelangen, die gegenwärtig die Wirtschaftsordnung Westeuropas ist mit ihrem wohlhabenden Bauernstand, mit ihren ländlichenLohnarbeitern, mit ihrem städtischen Proletariat und ihrerekelerregenden Prostitution 1 ."
Gleiche Anschauungen fand ich bei vielen praktischenLandwirten verbreitet, welche ihre Meinungen gewifs nichtaus der Litteratur schöpften. Um statt vieler Beispiele nureines zu erwähnen, so erzählte mir z. B. der Oberverwalter
1 W.E. Postnikoff, Südrussische Bauernwirtschaft. Moskau 1891.S. 308. Es ist unerfindlich, weswegen der Verfasser die Prostitutionals Begleiterscheinung gerade der westeuropäischen Kultur ansieht.Auf den grofsen Pferdemärkten, so wurde mir von durchaus zuver-lässigen Beobachtern auf meiner Reise im Samaraschen erzählt, aufdenen Kirgisen und Kosaken ihren Pferdereichtum zusammentreiben undwo vorübergehend eine volksreiche Lagerstadt in der menschenleerenSteppe entsteht, fehlt die Prostitution nicht; sie findet Unterschlupfunter dem Zeltdach des Nomaden. Freilich folgt ihr hierhin keinArzt. — Für die Meinung PostnikofFs spricht auch nicht die Thatsaehe,dafs die Syphilis die Geifsel Rufslands ist. Auf Grund der offiziellenStatistik betrug die Zahl der Syphilitiker, welche in öffentlichenKrankenhäusern Rufslands behandelt wurden, 1866 = 8,7°/o, 1890 = 14,8°/oaller Kranken. Thatsächlich ist der Prozentsatz der Syphiliskrankenviel höher, da dieselben anerkanntermafsen ungern in Kranken-häuser gehen. Podolinski, ein vielerfahrener Landarzt, schätzt inseiner Broschüre „Die Gesundheit der Bauern in der Ukräne" die Zahlder Syphilitiker in dem ihm bekannten Gebiet auf 10—15 % der ganzenBevölkerung.