— 374 —
Gerade in dieser Hinsicht aber scheiterte die gute Absichtdes Gesetzgebers vielfach an der Persönlichkeit der Beamten.Zwar herrscht an den leitenden Stellen in Petersburg einedurchaus sachliche Aufbissung der russischen Agrarfrage. Dasöfters citierte Buch „Mifsernte und Volksarmut", dessen Ver-fasser der gegenwärtige Landwirtschaftsminister ist, erklärtdie allmähliche Überführung des Gemeindebesitzes in Privat-eigentum für unerläfslich. Die Budgetberichte Wittes betonen,dafs das Aufsteigen der „reichen Bauern" dem Finanz-, alsodem staatlichen Machtinteresse entspricht. Anders die aus-führenden Organe.
Die grofse Masse der örtlichen Beamten, so besondersauch die dem Landadel entnommenen Landhauptmänner, stehenvöllig unter dem Banne der „volkstümlichen" Ideenwelt.Nichts liegt ihnen ferner als der Gedanke, dafs das Empor-kommen der reichen Bauern im staatlichen Interesse zu fördernist, dafs die Loslösung der verarmten Bauern vom Lande fürdiese selbst wie für die Gesammtheit eine Wohlthat ist. IhreAufgabe scheint ihnen vielmehr in der Erhaltung der kulturellwie steuerlich unerfreulichen Mittelmäfsigkeit zu bestehen, inder Verteidigung, ja der Ausdehnung des Gemeindebesitzes,in der Beförderung der so schädlichen Landumteilungenu. s. w 1 .
Auch wir kennen in Westeuropa diese Stimmungen,welche oft von den lautersten Absichten getragen sind. DasMitgefühl mit den Leiden des Volkes und der Wunsch, ihmzu helfen, führt häufig auf Seiten der Gebildeten zu Versuchen,niedergehende Schichten künstlich am Leben zu erhalten. Aberdieses Bestreben ist widersinnig und reaktionär; es bewirktnichts, als die beklagten Mifsstände zeitlich zu verlängern. Eshemmt den wirtschaftlichen Fortschritt, weil ihm die Einsichtfehlt, dafs der Fortschritt des Ganzen den Fortschritt einzelnerIndividuen und Schichten voraussetzt. Wer das Wohl des
1 Vergl. z. B. Ökonomische Rundschau, Februar 1898, S. 59, fernerJuli 1898, S. 34, 35.